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Luther und die „Schwärmer“
Vor etwa 500 Jahren hatte in West- und Mitteleuropa die römisch-katholische Kirche unter dem Papst in Rom ein Monopol, und es gab nur sehr wenige andere eigenständige christliche Gemeinschaften. Nach der Reformation änderte sich das erheblich, so dass es heute hunderte von Kirchen und kirchlichen Gruppen gibt, die sich im weitesten Sinn als „evangelisch“ verstehen, weltweit gesehen sogar tausende. Man kann leicht den Überblick verlieren und steht vor der Aufgabe, Sekten und Sondergemeinschaften von evangelischen Kirchen in der Nachfolge der Reformation zu unterscheiden.
Zu Martin Luthers Lebzeiten nahm diese Entwicklung schon ihren Anfang. Luther hatte nicht wenig Mühe, sich von Bewegungen abzugrenzen, die sich auf ihn beriefen und die die evangelische „Freiheit eines Christenmenschen“ (so Luthers Schrift von 1520) missbrauchten. Er bezeichnete sie pauschal als „Schwärmer“. Für Luther fehlte den „Schwärmern“ eine innere und äußere Ordnung, und er entdeckte bei ihnen eine neue Gesetzlichkeit, die aus dem Evangelium, dem Glauben an Jesus Christus, ein tötendes Gesetz macht und Menschen mit eigenen Regeln und Vorschriften unter Druck setzt. Dass angeblich der heilige Geist zu den „Schwärmern“ direkt spricht, nahm Luther ihnen nicht ab, denn Gottes Geist bindet sich nach seiner Überzeugung an Gottes Wort und Sakrament.
Eine erstaunliche Vielfalt von Gegnern Luthers machte schon in den Anfängen der Reformation von sich reden. Zu den bekanntesten gehörten sein ehemaliger Wittenberger Professorenkollege Andreas Karlstadt und der ehemalige Priester Thomas Müntzer, der zu einem Anführer im Bauernkrieg wurde. Ein schlesischer Adeliger, Kaspar von Schwenckfeld, und der Theologe Sebastian Franck entwickelten Sonderlehren im Blick auf das Abendmahl und die Bedeutung des Heiligen Geistes und fanden vor allem durch ihre Schriften Anhänger, so dass die Wittenberger Reformatoren um Martin Luther vor ihnen warnten. Ein Pfarrer, Michael Stifel, der ursprünglich Luther folgte, war gleichzeitig Mathematiker und errechnete die Wiederkunft Christi für den 19. Oktober 1533 um 8 Uhr morgens, was zu Unruhen in seiner Gemeinde in Lochau führte.
Von solchen Einzelpersonen abgesehen entwickelte sich nach 1520 in mehreren Regionen in Europa die Täuferbewegung und fand zahlreiche Anhänger. In dieser Bewegung lehnte man die Kindertaufe ab und ließ nur eine Taufe auf ein persönliches Glaubensbekenntnis hin gelten. Verbunden wurde das bei vielen Täufern mit einer an der Bibel orientierten Christusnachfolge und einer Ablehnung kirchlicher Dogmen und Zeremonien. Luther setzte sich mehrfach schriftlich mit der Täuferbewegung auseinander. Im Gegensatz zur kaiserlichen Obrigkeit, die die päpstliche kirchliche Ordnung durchsetzen wollte, lehnte Luther die Todesstrafe für Täufer ab, solange sie nicht zum gewaltsamen Aufruhr aufriefen. Schon im Jahr 1532 warnte Luther den Rat der Stadt Münster vor der Übernahme täuferischer Lehren, allerdings vergeblich. Nachdem fanatische Prediger aus den Niederlanden mit ihren Anhängern die Macht in der Stadt Münster übernommen hatten, fand das „Reich Gottes“ in Münster im Jahr 1535 das bekannte dramatische Ende. Für Luther galten die Täufer nunmehr als Sektierer, vor denen die Gemeinden gewarnt werden mussten.
Ein ehemaliger enger Freund und Mitarbeiter Luthers, Johann Agricola, entwickelte im Laufe der Zeit eine Lehre, die allein das Evangelium gelten lassen wollte und die Predigt des Gesetzes Gottes und der Gebote Gottes zurückstellte. Für Luther wurde er dadurch zu einem „Antinomer“, d.h. zu einem gegen das gute Gesetz Gottes eingestellten Irrlehrer.
Dass man sich vor 500 Jahren um solche „Glaubensfragen“ intensiv auseinandersetzte, ist für Menschen in den heutigen liberalen westlichen Gesellschaften kaum noch verstehbar. Jeder kann heute glauben, was er will, alles ist möglich und erlaubt, solange nicht anderen Menschen Schaden zugefügt wird – so lautet das Motto im 21. Jahrhundert in Deutschland und in vielen anderen Staaten. Der Glaube ist beliebig und austauschbar geworden und soll in seiner banalsten Form nur noch dazu dienen, zum Glück und zur Zufriedenheit des Menschen in seiner irdischen Existenz beizutragen.
Für die Menschen zur Zeit der Reformation war das grundlegend anders: Für sie entschied sich an ihrem Glauben die Frage nach Himmel und Hölle, ob sie nach ihrem Tod – der vielen in relativ jungen Jahren bevorstand – in die Ewigkeit des allmächtigen Gottes aufgenommen oder in die ewige Verdammnis und Gottesferne verstoßen werden würden. Deshalb standen für viele Menschen die Glaubensfragen im Zentrum ihres Lebens. Mancher Christ musste für sich die Frage beantworten, ob er mit seiner ganzen Existenz und mit seinem Leben für seinen Glauben einstehen wollte. Das galt nicht nur für die Reformatoren um Luther, Zwingli und Calvin, die selber von einer römisch-katholisch geprägten Obrigkeit bis hin zur Ketzerverbrennung auf dem Scheiterhaufen nichts Gutes zu erwarten hatten, sondern auch für viele „Schwärmer“ und „Täufer“. Dass vor 500 Jahren manche „Wiedertäufer“ allein wegen ihrer friedlich gelebten Überzeugungen mit dem Tod bestraft wurden, sowohl in römisch-katholischen als auch in einigen reformatorisch geprägten Regionen, kann aus heutiger Sicht nur als traurige Verirrung und als Machtmissbrauch gewertet werden.
Alle christlichen Kirchen und Konfessionen haben aus ihrer Geschichte gelernt. Glaubensüberzeugungen dürfen nie mehr mit brutaler Gewalt durchgesetzt und Menschen aufgezwungen werden. Dass militante Islamisten das heute immer wieder anders sehen und praktizieren, bis hin zu massiver staatlicher Unterdrückung zum Beispiel im Iran, gehört zur sündigen Wirklichkeit dieser Welt.
Der Glaube an Gott ist nicht beliebig und gleichgültig, wie manche modernen Atheisten und Agnostiker meinen. Auseinandersetzungen und Richtungsentscheidungen finden wir schon im Neuen Testament wie in der Zeit der Reformation und genauso im 21. Jahrhundert. Christlicher Glaube in der Nachfolge der Reformation ist von der „Freiheit eines Christenmenschen“ geprägt und muss deshalb auch abwegigen und zweifelhaften Sonderwegen ihren Raum lassen, wenn sie sich friedlich verhalten. Aber der reformatorische Glaube hat ein Zentrum: den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird. Wenn Christen sich in diesem Zentrum einig sind, können andere Glaubensfragen zwischen Gemeinden und Kirchen offen gelassen werden.
Wolfgang Sickinger, Pfr. i.R.
Wie auf die Kirchenkrise reagieren?
Acht Wegweiser in einer orientierungslosen Zeit
1. Die Zeiten einer Mehrheitskirche sind Vergangenheit. Gerade eine schrumpfende Kirche muss entschlossen Menschen zum Vertrauen auf den dreieinigen Gott einladen und missionarischer werden. Die Gemeindeglieder sind dazu aufzurufen und zuzurüsten: „Predigt das Evangelium aller Kreatur." (Mk 16,15, vgl. Barmen VI)2. An der Bibel festhalten! Die Hl.Schrift ist das entscheidende Zeugnis der Offenbarung Gottes und deshalb das Fundament der Kirche. „Die einzige Regel und Richtschnur, nach der alle Lehren und Lehrer eingeschätzt und beurteilt werden müssen, sind allein die prophetischen und apostolischen Schriften Altes und Neues Testament." (Konkordienformel I,1, so auch Barmen I)
3. Im Sinne der altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse sowie der Barmer Theologischen Erklärung gilt es, die Mitte des Evangeliums herauszustellen. Unser Auftrag ist es, das Evangelium von der Gnade Gottes, „was Christum treibet" (Luther), zu verkündigen (Mt 28,19f.; Lk 24,46ff.). Dazu gehört auch die Predigt des Gesetzes, die Sünde aufdeckt und zur Umkehr ruft. Angesichts des endzeitlichen Gerichtes Gottes geht es um die Befreiung von Schuld und Tod durch den Glauben an Jesus Christus.
4. Gegenüber gesellschaftlichen, politischen, oft ideologischen Parolen sollten wir dem Evangelium folgen. Soziale, ökologische, nationale, europäische, globale Anliegen sind - so berechtigt sie sein mögen - keine Kernaufgaben der Kirche, sondern der Menschen und Christen in der Welt. Wir sollten nicht den wechselnden Moden des Zeitgeistes folgen (Klimadiskussion, Migrationsfrage, Gendern u.a.), sondern dem Heiligen Geist, der von Jesus zeugt und ihn verherrlicht (Joh 15,26; 16,14). Eine einseitig politisierende Kirche erreicht wenig und zerlegt sich selbst.
5. In ethischen Grundfragen hat die Kirche an die universalen Gebote Gottes und die biblischen Vorgaben zu erinnern. Sie sollte den Willen Gottes - entsprechend des 5-8.Gebots, also das unbedingte Lebensrecht jedes Menschen, die lebenslange Ehe von Mann und Frau, das sozialpflichtige Eigentum und die biblische Wahrheit verkündigen.
6. In der innerkirchlichen Auseinandersetzung um den rechten Weg wollen wir einerseits klare, sachliche, biblische Positionen vertreten, andererseits Liebe und Toleranz gegenüber anderen Meinungen üben. Wir sollten Andersdenkenden nicht pauschal das Christsein absprechen, solange nicht die Gottessohnschaft und Auferstehung Jesu, die göttliche Person des Heiligen Geistes oder die Dreieinigkeit Gottes geleugnet wird. „Die Liebe erträgt alles, der Glaube nichts." (Luther; vgl. Mk 3,28f.; 1.Kor 13,7; Gal 1,9; 1.Joh 4,1ff.)
7. In den anhaltenden Spardiskussionen sollte entsprechend dasjenige (Gemeindepfarrstellen, Kirchengebäude, Kirchmusik, Diakonie, Kindergärten etc.) Priorität haben und bewahrt werden, was der Kommunikation des Evangeliums dient. Existentiell wichtig ist für die Kirche und Gemeinden eine zur biblischen Verkündigung befähigende Ausbildung der Pfarrer im Theologiestudium. Darum soll die Kirchliche Hochschule Wuppertal erhalten bleiben, wenn sie sich zu einem solchen Studienangebot weiterentwickelt.
8. Im interreligiösen Dialog gilt für die Kirche: nicht die kleinste gemeinsame Basis suchen, sondern die ganze Wahrheit des Evangeliums (Gal 2,5.14) in Liebe (1.Kor 13,6; 16,13f.) darlegen. Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Joh 14,6)
Wuppertal, den 1.11.2025

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