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Zur Jahreslosung 2017

Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes 36,26)

Zum neuen Jahr haben viele gute Vorsätze oder große Pläne: einen exotischen Urlaub auf den Seychellen machen; oder ein schönes eigenes Haus bauen; oder ein Kind bekommen und eine Familie gründen. Die Vorraussetzung dafür ist: das eigene Leben, meine Persönlichkeit ist eigentlich ganz okay; von dieser Bastion aus kann man neues angreifen. Aber war da nicht neulich der blöde Konflikt mit dem Kollegen? Hat sich nicht im letzten Jahr meine Frau von mir getrennt? Macht mir nicht eine lästige Krankheit zu schaffen? Wie wäre es also 2017 mit dem eigenen Ich als Baustelle?

Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Oder wie der ganze Vers Hesekiels in der Lutherbibel lautet: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ Mitten im Alten Testament bricht da plötzlich Neues auf! Hesekiel oder Ezechiel war der dritte große Schriftprophet Israels. Sein hebräischer Name Jechäzquel bedeutet Gott mache stark! Aus priesterlichem Geschlecht stammend (1,3) lebte er unter den Juden, die 597 v.Chr. als erste in die babylonische Gefangenschaft deportiert und am Fluß Kebar (1,1) in Ruinen angesiedelt wurden. Dort sah er 5 Jahre später in einer mächtigen Erscheinung den HERRN, der ihn zum Propheten berief, damit er Jerusalem das gericht ansage und die Exulanten tröste (Kap 1-3; vgl. Kap.10). Jesaja hatte den neuen Messiaskönig (7,14; 9,1ff.; 11,1ff.), Jeremia den „neuen Bund“ (31,31ff.) prophezeit, Hesekiel nun das „neue Herz“ und den „neuen Geist“ (vgl. 11,19f.; 18,31). Weil Gottes Volk sich so in Sünden verstrickt hat, daß es jedem Bußruf mit „harten Stirnen“ und „verstockten Herzen“ widerspricht (3,7), muß Gott den Menschen im Innersten neu schaffen. Aber wie kann das geschehen? Unsere Hochleistungsmedizin kann heute leibliche Herzen transplantieren. Aber wie an den seelischen Personkern rühren? Wie können gefühlskalte, steinharte Herzen in warme, weiche, fühlende, fleischerne Herzen verwandelt werden? So unsichtbar unser innerer Lebensquell ist, so groß das Geheimnis seiner Erneuerung! Gottes Geist allein vermag es!

Denn wir Menschen sind merkwürdige Wesen! Wer wird allein von vernünftigen Überlegungen geleitet und ist frei in seinen Entscheidungen? Sind wir nicht voller Affekte und Leidenschaften und in Ängsten und Sehnsüchten befangen? „ Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ fragte Jeremia. Und Gott antwortete: „Ich, der HERR, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen.“ (Jer 17,9f.) Gott kennt alle seine Geschöpfe, die er wunderbar gemacht und mit seinem Lebensgeist erfüllt hat. (1.Mose 2,7; Ps 139,1ff.13ff.) Wenn sich unser Geist, der uns vor den Tieren auszeichnet, jedoch von Gott abwendet, wird der schöne Leib zu hinfälligem „Fleisch“ und das Herz von Torheit und Sünde gefangen, so daß wir uns nicht mehr zu Gott bekehren können und die Vernunft im eigenen Haus nichts mehr zu sagen hat. (Röm 7) Deshalb hat in der Bibel der Mensch nicht einen Leib, über den er verfügen könnte, sonder er ist ganz Leib, und nicht der Verstand, sonder das Herz ist mit 814 Erwähnungen seine Mitte. Aufgrund der Sünde treten menschliches Fleisch und göttlicher Geist scharf auseinander und sind unterschieden wie Feuer und Wasser. (Jes 31,3; 40,6ff.; Ps 143; Joh 3,6; Röm 8,5ff.) „Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist!“ fordert der HERR bei Hesekiel (18,31). Aber sowenig sich Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte, sowenig kann der Mensch sich aus eigener Kraft vom Bösen erlösen. Erst wenn Gottes Hl.Geist über uns kommt und uns ergreift, uns mit Gnade, Glauben und Liebe erfüllt (Röm 5,5), taut das Eis (Ps 147,18) und werden Steine weich. „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“, spricht Gott. Und im nächsten Vers: „Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“

Aber wie können göttlicher und menschlicher Geist (1.Kor 2,11) ohne falsche Vermischung einig und eins werden? (1.Kor 6,17) Wie können durch den Einfluß des Hl.Geistes unsere alten Herzen neu werden? Es gibt m.W. nur zwei Bibelstellen, wo von diesem Geheimnis ausdrücklich die Rede ist: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus“, heißt es im 4.Bußpsalm Davids (Ps 51,12ff.). Und der Apostel Paulus schreibt: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind.“ (Röm 8,16)

Die Propheten wie Hesekiel haben den neuen Geist angekündigt. Gekommen ist er erst im Neuen Testament, in Jesus Christus, dessen Geburt wir Weihnachten gefeiert haben. Jesus war der erste und bisher einzige wahrhaft neue, sündlose, liebevolle, Gott vollkommen entsprechende Mensch, weil in ihm Gott Mensch wurde. „Gottes Sohn ist Mensch geborn!“ (EG 29) Seit seiner Taufe, als der Hl.Geist „wie eine Taube“ über ihn kam, war er voller Geist ohne Maß (Mk 1,10; Lk 4,18; Joh 1,16.32ff.; 3,34), widerstand dem Teufel in der Wüste (Mt 4,1ff.), erkannte, was in den Menschen war (Mk 2,8; Joh 2,24f.), trieb die bösen Geister durch den Geist Gottes aus (Mk 1,23ff.34.39; Mt 12,28; Lk 11,20), hatte Worte voller „Geist und Leben“ (Joh 6,63), pries die „Armen im Geist“ selig, „denn ihrer ist das Reich Gottes.“ (Mt 5,3) Jesus tat in der Kraft des Hl.Geistes Zeichen und Wunder und heilte die Kranken (Lk 4,14; 5,17; 6,19), er weckte in seinen Jüngern Glauben an Gottes Liebe (Lk 17,5), gab ihnen die Kraft zur Nächstenliebe (Mk 12,28ff.; Joh 13,34f., 15,12) und die Zuversicht, Gott um alles zu bitten (Mk 11,24; Joh 14,13f.; 16,23f.). Er warnte vor der Sünde gegen den Hl.Geist, die nicht vergeben werden könne (Mk 3,28f.), und versprach den Seinen, daß der Geist Gottes selbst durch sie reden werde, wenn es zum Märtyrium kommen sollte (Mt 10,19f.). Kurz: in Jesus war die Fülle des Geistes und das Reich Gottes „mitten unter uns“ (Lk 17,21). Christen werden durch die Taufe auf den Namen Jesu „von neuem geboren aus Wasser und Geist“ (Joh 3,3ff.). Jesus gab den Apostel „Macht über die bösen Geister“ (Mk 6,7). Er machte aus uns kein Flickwerk, sondern füllte „neuen Wein in neue Schläuche“ (Mk 2,21f.).

Als die Frauen und Jünger dann im Licht des Auferstandenen auf die Opferliebe Jesu am Kreuz zurückschauten, kam Pfingsten der Hl.Geist mit Macht über sie, um sie nie mehr zu verlassen. Sie erkannten die Größe und Weite, Breite und Tiefe der vergebenden, erneuernden Liebe Gottes klar und eindeutig (Eph 3,18f.). Der „Geist der Gnade“ war offenbar! (Sach 12,10; Hebr 10,29) Der Apostel Paulus spricht dann vom „Geist des Glaubens“ (2.Kor 4,13; Gal 3,14), vom „Geist der Liebe“ (1.Kor 4,21; Röm 15,30), vom „Geist, der da lebendig macht“ (1.Kor 15,45; 2.Kor 3,6; vgl. Röm 8,10f.; Joh 6,63), und den mancherlei „Gaben des Geistes“ (1.Kor 12,1ff.; Gal 5,22f.). „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2.Kor 3,17) „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14) „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2.Kor 5,17) Er schreibt den Korinthern: „Ihr seid ein Brief Christi, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.“ (2.Kor 3,3) Das ist das „neue, fleischerne Herz“ und der „neue Geist Gottes in euch“, wovon die Jahreslosung spricht.

Haben wir Christen des Jahres 2017 diesen Geist? Wie kommt dieser Geist zu uns? Indem Gott sein alles neu machendes Wort, das Evangelium von Jesus Christus, zu uns spricht! Denn Gottes Wort schafft, was es sagt. „Wenn der HERR spricht, so geschieht's.“ (Ps 33,9) Das Fleisch gewordene Wort der Gnade Gottes (Joh 1,14) gibt uns ein fleischernes Herz. Wenn Gottes Sohn uns zu Gottes Kindern macht, schafft er uns nach seinem Bilde neu, so daß wir ihm immer ähnlicher werden. (1.Kor 15,47ff.; 2.Kor 3,18) Und doch ist dieser neue Mensch noch im alten und keineswegs vollendet. (Röm 6,4ff.; 7,6; 2.Kor 4,16; vgl. Eph 2,15; 4,22; Kol 3,9f.) Keiner von uns ist wie Jesus. Wir haben nur das „Angeld“ und die „Erstlinge“ des Geistes empfangen (Röm 8,23; 2.Kor 1,22; 5,5). Der alte Mensch der Sünde harrt noch seiner Aufhebung. „In Christus“, nicht in uns ist das Böse besiegt! Bei uns „begehren Fleisch und Geist gegeneinander auf“ (Gal 5,17) und streiten widereinander, solange wir leben. Deshalb muß unser „Fleisch“ und „alter Mensch“ „mit Christus gekreuzigt werden“, damit wir einst neu, ohne Sünde und ewig „mit ihm leben“ können. (Gal 5,24; Röm 6,3ff.; Phil 3,10ff.) Dieser lebenslange Prozeß der Neuwerdung ist nicht immer ein linearer Fortschritt zum Besseren, sondern kann von Rückfällen und Niederlagen begleitet werden. Wohl dem Christ, der dabei nicht alleine kämpft, sondern sich mit Schwestern und Brüdern im Geist zusammentut! Denn Gott schenkt seinen Geist nicht isolierten Individuen, sondern „euch“ in der „Gemeinschaft“ der Gemeinde. (2.Kor 13,13; Phil 2,1) Immerhin verstehen wir so, warum Christen wie alle Menschen leiden und sterben müssen, um des ewigen Lebens teilhaftig zu werden, und daß die Wiedergeburt im Geist nicht nur Freude bereitet, sondern ein manchmal schmerzlicher Lernprozeß ist. Aber ältere, erfahrene Christen merken auch, wie sich die Ketten der Vergangenheit lösen, Weisheit und Güte zunehmen und die österliche Hoffnung immer heller strahlt, bis wir einst ganz im Licht Christi stehen.

Mit welchen Vorsätzen und Plänen gehen wir also in das neue Jahr? Solange die Erde steht, können wir für manches gute irdische Vorhaben Gottes Segen erbitten. Evangelische Christen gedenken der Reformation Martin Luthers vor 500 Jahren. Folgen wir dem Kirchenjahr entsprechend dem Weg Jesu über unsere Erde! Hören und staunen wir über seine Worte und Wunder! Schauen wir auf sein Kreuz, wo er die Sünde der Welt sühnte, und Ostern das Licht seiner Auferstehung! Dann geht spätestens Pfingsten Gottes Verheißung in Erfüllung: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“
Pfarrer Winfrid Krause, Malborn

Literatur:

Kurt Aland (Hg.), Luther Deutsch, Bd. 5: Die Schriftauslegung, Stuttgart 21963
Paul Althaus, Die Theologie Martin Luthers, Gütersloh 21963
Heinrich Karpp, Schrift, Geist und Wort Gottes, Darmstadt 1992
Bernhard Rothen, Die Klarheit der Schrift, Göttingen 1990