Andreas Rehn – Student der Evangelischen Theologie in Heidelberg
Predigttext nach Luther 2017:
Einsetzung des Passafestes
1Der Herr aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. 3Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. 4Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
(5Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen)
6und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. 7Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, 8und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen.
(9Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen.)
10Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen. 11So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des Herrn Passa. 12Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der Herr. 13Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage.
14Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.
Exegetische Erkenntnisse
Verwiesen sei auf:
Dohmen, Christoph. 2015. Exodus 1 – 18. Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament.
Freiburg ; Basel ; Wien: Herder.
Fischer, Georg, und Dominik Markl. 2009. Das Buch Exodus. Bd. 2. Neuer Stuttgarter Kommentar.
Stuttgart: Verl. Katholisches Bibelwerk.
Ex 12–15 bildet den Höhepunkt des Exodus: Der Auszug aus Ägypten geschieht in zwei Schritten (Aufbruch + Schilfmeer), die Anfang und endgültige Befreiung markieren. Das Ereignis erfüllt frühere Verheißungen Gottes und bringt mit dem Pesach etwas Neues: die Feier der Befreiung schon im Voraus. Zugleich ist diese Befreiung nur ein Zwischenziel – ihr eigentlicher Sinn liegt in der Hinführung zur Gottesbegegnung am Sinai und zu einer dauerhaften Beziehung mit Jhwh.
1. Rolle von Mose und Aaron & Zeitordnung
Die besondere Anrede an Mose und Aaron (Ex 12,1–2) wirkt zunächst exklusiv, steht aber repräsentativ für ganz Israel.
- Sie fungieren als Autoritäten für die Festordnung, nicht nur als historische Figuren.
Der „erste Monat“ (Abib/Nissan) wird zum Ausgangspunkt der Zeitrechnung, weil er mit dem Exodus als identitätsstiftendem Ereignis verbunden ist.
→ Zeit hat ein „Doppelgesicht“: zyklisch (Jahr) und erinnernd/vergegenwärtigend (Monatszählung ab dem Exodus)
2. „Gemeinde Israels“ als neue kollektive Größe
– Israel wird erstmals als „Gemeinde“ (Körperschaft) beschrieben.
→ Das Pessach ist daher kein rein individuelles Ritual, sondern ein gleichzeitig vollzogenes Handeln aller (kollektive Identität).
3. Pessach: zwischen Mahl und Opfer
Der Text enthält mehrere, teils spannungsreiche Deutungen des Pessach:
a) Familiäres Mahl: Es wird in den Haushalten gefeiert und das Fleisch wird gemeinsam mit Mazzot und
Bitterkräuter gegessen
- Betonung von gemeinsamem Essen und
- konkreter historischer Situation (Eile beim Auszug)
b) Kultisches Opfer
Verwendung von Opferterminologie:
- Tier muss fehlerlos, männlich, einjährig sein
- Schlachtung hat rituellen Charakter
Dies sind Hinweise auf Tempelkult, wenn auch keine explizite
c) Abgrenzung vom Opfer
- Tier wird als Ganzes gebraten (nicht zerlegt wie im Opferkult)
- keine getrennte Behandlung von Teilen
→ Betonung von Ganzheit/Integrität
Ergebnis: Pessach ist eine Mischform aus:
- familiärem Erinnerungsmahl
- kultisch geprägtem Ritual
mit bewusster Distanz zu reinem Opferkult
4. Symbolik und Elemente des Rituals
Mazzot (ungesäuertes Brot) und Bitterkräuter:
- bekommen bei späteren Päsach-Feiern stark symbolische Bedeutung
Eile-Motiv (gegürtete Hüften etc.):
- verweist auf konkrete Auszugssituation
Aufbewahrung des Tieres (10.–14. Tag):
- zeigt kultische Disziplin und Vorbereitung
- Der 10. Tag verweist auf den Versöhnungstag – Lev 16,29
5. Der Blutritus
Blut an Türpfosten dient als:
- Unterscheidungszeichen zwischen Israeliten und Ägyptern
- Schutzzeichen (apotropäisch) -> schützt vor der Tötung der Erstgeburt (zehnte Plage)
Dadurch erhält Pessach eine existenzielle Bedeutung:
- nicht nur Erinnerung, sondern Rettungsritual
6. Theologische Deutung: Gottes Macht
Die zehnte Plage wird als:
- Gericht an Ägypten und zugleich als Gericht an den Göttern Ägyptens (V.12b) interpretiert
Aussage „Ich bin JHWH“ markiert:
- Höhepunkt der Offenbarung Gottes – Vers 12 nimmt den aus dem Plagenzyklus bekannten Gedanken der JHWH-Erkenntnis auf und führt ihn zu einem Höhepunkt
Ziel:
- Erkenntnis der Einzigkeit Gottes
- Rettung Israels
7. Zukunftsperspektive & Erinnerung (V. 14)
Pessach wird als „Erinnerungstag“ und „ewige Satzung“ festgelegt. Dies richtet sich an zukünftige Generationen Dabei wird der 14. Tag zum zentralen Gedenktag.
8. Gesamtdeutung
Der Abschnitt verbindet:
- historische Situation (Ägypten) mit späterer Kultpraxis
Dadurch entstehen in der theologischen Reflexion mehrere Schichten von Bedeutung:
- Rettung in der Nacht des Exodus
- rituelle Ordnung für Israel
- dauerhafte kollektive Erinnerung
In wenigen Worten:
- Pessach ist kein einheitlich definiertes Ritual, sondern ein komplexes, vielschichtiges Erinnerungs- und Rettungszeichen, das:
Identität stiftet, Gottes Macht offenbart und die Geschichte Israels dauerhaft vergegenwärtigt.
Meditation
Das Pessach erscheint als eine Nacht des Übergangs – eine Nacht, die nicht einfach erinnert, sondern unterbricht. Es ist, als würde die Zeit selbst zu einem Riss werden. Denn mitten in die scheinbar gleichförmige Dauer der Knechtschaft hinein ertönt ein Wort: „Dieser Monat soll euch der erste sein.“ Noch ist Israel nicht frei, noch ist nichts sichtbar verändert, und doch wird hier bereits der Anfang gesetzt. Nicht die Vergangenheit bestimmt den Ursprung, nicht die Erfahrung der Unterdrückung – sondern ein zugesprochenes Wort, das die Zeit selbst neu ordnet.
So beginnt das Pessach nicht mit einem Aufbruch im äußeren Sinn, sondern mit einer Unterbrechung des Bisherigen.
Wo und wann bin ich bereit mich unterbrechen zu lassen? Sind mir alte, vielleicht sogar destruktive Muster, lieber als die Ungewissheit?
Gott handelt nicht zuerst durch spektakuläre Befreiung, sondern durch eine Anweisung: ein Mahl, ein Lamm, ein Zeichen an den Türpfosten. Die Befreiung beginnt nicht mit Bewegung von außen, sondern mit einer Antwort.
Wo und Wann erhoffe ich mir Bewegung? Bin ich bereit zu Antworten?
Ein Lamm wird ausgewählt, ohne Fehler, als Zeichen von Ganzheit und Unversehrtheit. Doch dieses Lamm wird nicht nur geopfert, sondern gegessen. Rettung geschieht nicht auf Distanz, sondern im Vollzug – das, was rettet, wird aufgenommen, es geht in die Existenz über – Vgl. Gal 2,20 „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“
Das nicht Verstandene droht sich zu wiederholen – und darin Macht zu gewinnen. Es kann im Verborgenen weiter wirken, in Mustern zurückwirken, in Ängsten, in scheinbar unveränderlichen Abläufen. Was nicht erinnert, nicht betrauert, nicht zur Sprache gebracht wird, bleibt oft wirksam – nicht als klare Einsicht, sondern als Zwang zur Wiederholung, als Wunsch diesmal doch besser aus der Situation heraus zu kommen. Das Pessach jedoch schafft einen Raum, in dem Erfahrung nicht einfach verdrängt oder scheinbar vergessen wird, sondern Gestalt gewinnt: im Mahl, im Zeichen, im Gedächtnis. Die Nacht der Angst wird nicht ausgelöscht, sondern erinnert und ausgehalten – und gerade dadurch verliert sie ihre blinde Macht.
Auch das Blut an den Türpfosten ist kein magischer Schutz, sondern ein Zeichen: eine Markierung der Zugehörigkeit, eine Ausrichtung auf das Kommende. Wer dieses Zeichen setzt, hofft auf Bewahrung und Befreiung, noch bevor sie sichtbar geworden ist. Darin liegt eine Spannung: Das Volk handelt im Vorgriff auf etwas, das noch nicht eingetreten ist. Es lebt gewissermaßen schon jetzt aus einer Zukunft, die es noch nicht sehen kann. Das Volk lebt im Vertrauen.
Lebe ich im Vertrauen, oder unter dem Zwang der Kontrolle?
Die Nacht des Pessach selbst ist ein Ort der Entscheidung. Sie ist durchzogen von Angst und Ungewissheit, und doch geschieht mitten in ihr ein Mahl. Kein ruhiges, gesichertes Fest, sondern ein Essen im Modus des Aufbruchs: mit gegürteten Lenden, mit Schuhen an den Füßen, den Stab in der Hand. Alles ist ausgerichtet auf Bewegung, obwohl man noch steht. Darin zeigt sich eine existenzielle Wahrheit: Der Mensch lebt oft in Zwischenzeiten – nicht mehr ganz gebunden, aber auch noch nicht frei. In solchen Momenten wird er nicht zuerst zum Verstehen aufgefordert, sondern zur Antwort. Die Handlung selbst – das Essen, das Zeichen, das Bereitsein – wird zur Antwort auf ein Geschehen, das ihn bereits betrifft, bevor er es begreift. Phänomenologisch gesprochen: Es ist ein Widerfahrnis, auf das der Mensch antwortet, bevor er es einholen und erfahren kann.
Am Ende steht der Auftrag zum Gedächtnis: „Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag haben.“ Doch dieses Erinnern ist kein bloßer Rückblick. Es hält eine Erfahrung präsent, die das Leben immer neu strukturieren soll. Das Pessach wird so zur Praxis einer lebendigen Erinnerung – einer Erinnerung, die nicht abschließt, sondern offen hält. Die Zeit bleibt gezeichnet von diesem Einschnitt, von diesem Riss, der sie zugleich unterbricht und öffnet.
Die Türpfosten markieren eine Schwelle: zwischen Innen und Außen, zwischen Schutz und Gefahr. Genau dort wird das Blut angebracht. Rettung ereignet sich nicht im Rückzug ins Innere, sondern an der Grenze zur Gefährdung. Das Zeichen ist öffentlich, sichtbar, riskant. Es markiert Verwundbarkeit und Zugehörigkeit zugleich.
Darin liegt auch eine Zumutung: Befreiung geschieht nicht ohne Antwort, nicht ohne ein Bekenntnis, nicht ohne ein Sich-Aussetzen. Der Mensch handelt, bevor alles klar ist. Und doch liegt eine Verheißung darin, dass wir diese Antwort nicht aus bloßer Selbstermächtigung geben, sondern aus einem Angesprochen-Sein Gottes, das ihr vorausgeht.
So beginnt das Pessach nicht mit dem Durchzug durch das Meer, sondern in Häusern, in Familien, in einer Nacht, in einem Mahl. Gerade dort, wo das Leben unscheinbar ist, entscheidet sich etwas: ob wir in der Logik der Angst bleiben oder ob wir antwortend in Situationen eintreten, die wir noch nicht überblicken. Die entscheidende Frage lautet daher nicht zuerst, ob ich alles verstehe, sondern worauf ich antworte – und auf wen wir an unserer je persönlichen Schwelle setzen.
Liturgische Vorschläge
Tagesspruch:
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR.
Psalm 111,4
Tageslieder:
Das Wort geht von dem Vater aus (EG 223)
Ich bin das Brot, lade euch ein (EG Württemberg 587)
Tagespsalm:
Psalm 111 (EG 744).
Hallo, Test