Kreuzestheologie
Pfr.i.R. Winfrid Krause, Buggingen

Dieser von M.Luther besonders in der Heidelberger Disputation (1518) und seiner 2.Psalmenvorlesung (1519-21) für seine eigene, neue, reformatorische Theologie geprägte und lebenslang festgehaltene Begriff folgt ebenso wie seine zentrale Rechtfertigungslehre dem Apostel Paulus. Mit diesen beiden Brennpunkten legten beide die ganze Hl.Schrift systematisch aus: CRUX sola est nostra theologia“ (WA 5,176,32) – das Kreuz allein ist unsere Lehre von Gott! Christum treiben“ (WABr 7,384,27) – und hier besonders sein Kreuz als Vollendung seiner Sendung (Joh 19,30) – ist für den Reformator Kern und Stern der entscheidenden Offenbarung Gottes an die Welt. Im Neuen Testament kommt die Wortgruppe Kreuz / kreuzigen“ am häufigsten bei Paulus vor, geht aber natürlich auf die Passionsgeschichte der Evangelien und Jesu Wort vom Kreuztragen (Mk 8,34 par; Lk 14,27 / Mt 10,38 (Q); vgl. Mt 11,29) zurück.
Das Kreuz Christi und unser Mitgekreuzigtwerden sind dem Apostel zwei Aspekte eines einzigen Geschehens und gehören wie das Evangelium als Wort Gottes und unser Glaube als Nachfolge Jesu unauflöslich zusammen:
1) Jesus nahm den grausamen, bitteren und schändlichen, nach römischem Recht Sklaven und Fremden vorbehaltenen Tod am Kreuz auf sich, um – obwohl selbst als Gottes Mensch gewordener Sohn ohne Sünde (2.Kor 5,21) – stellvertretend unsere Schuld und Strafe zu tragen, durch das Opfer seines Lebens unsere Sünde zu sühnen, Gottes Gerechtigkeit genüge zu tun, Gottes Zorn in Gnade zu verwandeln und Gottes heilige Liebe zu offenbaren (Röm 3,24ff.; 5,8ff.; 8,3f.; 1.Kor 1,13.18ff.; 2,22ff.; 2.Kor 5,18ff.; 13,4; Gal 3,13f.; Phil 2,8). Wenn wir an das Kreuz seines Sohnes glauben, öffnet sich uns durch die Hölle des Karfreitags der Himmel des ewigen Lebens, in das Jesus Ostern auferstand und den Aposteln erschien (1.Kor 15,1ff.). Der Auferstandene bleibt der für uns Gekreuzigte (Mk 16,6; 1.Kor 2,2; Gal 3,1); von seinem Kreuz und seiner Auferweckung geht der Hl.Geist aus und springt auf uns über (Röm 5,5; 8,2ff.; 1.Kor 2,2ff.10ff.; 2.Kor 3,6ff.; Gal 3,1ff.; Joh 7,39; 16,7ff.; 20,22; 1.Joh 5,6ff.)
2) Der Glaube an den für uns gekreuzigten Messias Israels, der Sünde, Tod und Teufel kraft seiner lebendigen, göttlichen Liebe besiegt hat, schließt unsere Kreuzesnachfolge und unser Mitgekreuzigtwerden mit Christus ein, damit wir seinem Tod gleichgestaltet“ werden und zur Auferstehung der Toten gelangen“ (Phil 3,7ff.; Röm 6,3ff.; 8,10f.16f.; 2. Kor 1,5; 4,10f.; 5,14; Gal 2,19ff.; 5,11.24; 6,12ff.; 1.Thess 4,14; 5,9f.). Dieser mit der Taufe auf den Namen Jesu einsetzende, im Sterben sich vollendende Prozeß ist keine aktive, das Martyrium suchende, fromme Existenz, sondern die Weise, wie der dreieinige Gott durch Schicksal und Schande, Krankheit und Leiden – die alle Menschen in dieser gefallenen Welt treffen – unseren (auch christlichen) Hochmut und Stolz in Demut und Buße verwandelt und so die geistliche Erkenntnis Christi in der leiblichen Heiligung fortsetzt. Christen erkennen darin den damals wie heute lebendig wirkenden HERRN, der in unsere Leben eingreift, um uns durch diese Passionsgemeinschaft tiefer in die Liebe Gottes hineinzuführen, bis wir als letzte der Stationen auf dem Weg zur Freiheit“ (D.Bonhoffer) zur Herrlichkeit unangefochtener Gottesgemeinschaft durchdringen, die Jesus verkörperte (Joh 10,30) und in ihm ewig besteht.
All dies ist bereits in jenem geheimnisvollen Wort Jesu enthalten: Wer sein Leben behalten will, der wirds verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wirds behalten.“ (Mk 8,34 par; Mt 10,39 / Lk 17,33; Joh 12,25) Gehen wir in diesem Licht in die kommende Karwoche und feiern recht und voller Freude Ostern!
Hier die Kreuzestheologie mit Bild