Paul Gerhardt und das Neue evangelische Gesangbuch
Das schöne Lied „Ich steh‘ an Deiner Krippen hier“ (EG 37) oder auch das mitreißende Lied „Fröhlich soll mein Herze springen“ (EG 36 ), die für uns unverrückbar zur Weihnachtszeit gehören, aber auch das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85), das Passionslied schlechthin, von dem gerade die Älteren unter uns noch Strophen während ihres Konfirmationsunterrichtes auswendig gelernt haben, begleitet bis heute Sterbende, deren Heimgang sich im christlichen Glauben vollzieht – und wohl dem, der dann die 9. Strophe „Wenn ich einmal muss scheiden, so scheide nicht von mir…“ auswendig kann!
Alle diese Lieder stammen vom selben Lieddichter, von Paul Gerhardt (1607-1676), dessen Todestag in diesem Jahr zum 350. Mal begangen wird.
„Geh aus mein Herz und suche Freud“ (EG 503) und „Ich singe Dir mit Herz und Mund“ (EG 322) sowie insgesamt 27 weitere Lieder aus der Feder von Paul Gerhardt finden sich im Stammteil unseres Gesangbuches.
Wer war der Mann, der Schmerz und Freude so kongenial zusammendichten konnte und in Johann Crüger (1598-1662) einen Komponisten fand, der die zu dieser Spannung so passenden Melodien finden konnte? Dass Paul-Gerhardt-Lieder über Jahrhunderte hinweg den Wesenskern menschlichen Daseins vor G’TT treffen, beweist selbst in Zeiten wie unseren, in denen die Selbstdarstellung oberstes Gebot ist, dass diese Lieder nicht nur bei uns gesungen werden, sondern sogar in Afrika und Asien bekannt sind! Ja, auch im röm.-kath. Gesangbuch, dem Gotteslob, finden sich sieben Paul Gerhardt-Lieder (GL 81, 101, 256, 289, 369[1], 403, 418).
Diese weltbekannten Lieder stammen aus der Feder eines Mannes, der in einem sehr kleinen Radius sein Leben verbracht hat: in Dörfern und kleineren Orten auf dem Gebiet von Kurbrandenburg und Kursachsen, die nahe beieinanderlagen.
Geboren wurde er am 12. März 1607 als Sohn eines Gastwirts und 2. Bürgermeisters in dem Ort Gräfenhainichen; seine Mutter, Dorothea Starke, war die Tochter eines Superintendenten. Seine Eltern verstarben früh, und so war er mit seinen drei Geschwistern bereits mit 14 Jahren Vollwaise. Die wirtschaftliche Situation war insoweit stabil (auch durch eigene Tätigkeit als Hauslehrer), dass er in Grimma die Fürstenschule St. Augustin besuchen konnte, die als Schmiede sächsischen Beamten- und Pfarrnachwuchses galt. Hier wurde er – wie schon im Elternhaus – von Luthers Theologie geprägt.
1628, mit 21 Jahren, nahm er das Theologiestudium in Wittenberg auf.
Schon in dieser Zeit – auch durch die Lehrer, die ihn prägten – fiel seine dichterische Begabung auf, die er mit seiner lutherischen Frömmigkeit zu verbinden wusste.
Als er sein Studium aufgriff, tobte der Dreißigjährige Krieg bereits seit 10 Jahren; sein Geburtsort Gräfenhainichen wurde damals durch schwedische Truppen fast vollständig zerstört.
1636/37 erlebte er die Pest in Wittenberg, der auch sein älterer Bruder Christian, zum Opfer fiel. Die Pesttoten waren so zahlreich, dass für sie eigene Sterbebücher angelegt werden mussten! Die Einwohnerzahl Berlins verminderte sich in dieser Zeit um mehr als die Hälfte!
1643 (mit 36 Jahren!) beendete er sein Studium und ging ein erstes Mal nach Berlin, als Hauslehrer. Hier lernte er den Kantor an der Nikolai-Kirche, Johann Crüger (1598-1662), kennen. In Crügers privatem Kirchengesangbuch finden sich in der 1647 erschienenen
2. Auflage bereits 18 Paul-Gerhardt-Lieder! Möglicherweise war es dieser gute Kontakt zu Johann Crüger und seinem tadellosen Leumund als Theologe zu verdanken, dass er 1651 in St. Nikolai in Berlin ordiniert wurde, um anschließend sein erstes Pfarramt in der St. Moritz-Kirche in Mittenwalde zu übernehmen.
Doch bereits sechs Jahre später finden wir ihn wieder in Berlin, nun als Pfarrer an der Nikolai-Kirche (1657-1667), wo er die freundschaftliche Zusammenarbeit mit Johann Crüger fortsetzen konnte.
Was wir uns heute kaum noch vorstellen können, war aber im 17. Jh. noch kirchliche Wirklichkeit: Evangelische Christen reformierten Bekenntnisses konnten nicht mit evangelischen Christen lutherischen Bekenntnisses gemeinsam zum Abendmahl gehen!
Nach Ende des 30-jährige Krieg 1648 bestimmte im Grunde der Fürst eines Landes, ob seine Untertanen reformiert, lutherisch oder katholisch sein würden; sie wurden, was er war; man nannte dieses Prinzip auf Latein: cuius regio eius religio (= wessen Gebiet, dessen Religion).
Preußen war dabei eine Ausnahme! Nachdem der preußische Kurfürst Johann Sigismund (1572-1620) 1613 zum Calivinismus übergetreten war, erlaubte er seinen Untertanen in Berlin und den brandenburgischen Landen lutherisch zu bleiben, wenn sie dies wollten. So gab es beide Konfessionsstände auf preußischem Herrschaftsgebiet, was nicht ohne Spannungen bleiben sollte. Das Volk auf dem Lande blieb lutherisch – wer am Hofe in Berlin etwas werden wollte, trat zum reformierten Calvinismus über. Unter seinem Nachfolger, dem Großen Kurfürsten, Friedrich-Wilhelm (1620-1688) wurden die Spannungen so groß, dass dieser 1662 seinen Untertanen verbot an der lutherischen Universität in Wittenberg zu studieren. Zeitgleich versuchte man aber durch Berliner Religionsgespräche den inneren Frieden zu wahren, was 1663 nach 17 Sitzungen ergebnislos abgebrochen werden musste. Als dann 1664 alle Theologen in Berlin unterschreiben sollten, dass sie sich gegenseitig tolerieren würden, verweigerte Paul Gerhardt diese Unterschrift, was 1666 zu seiner Entlassung führte. Viele, die seine Kirchenlieder und seine Arbeit schätzten, setzten sich für ihn ein, so dass der Kurfürst ihn 1667 wieder ins Amt einsetzten wollte; nun aber verzichtete Paul Gerhardt seinerseits – aus Glaubens- und Gewissensgründen – und verließ Berlin.
1668/69 findet er in Lübben, in Kursachsen, wieder eine Anstellung als lutherischer Pfarrer, wo er mit 69 Jahren am 27. Mai 1676 in bescheidenen Verhältnissen stirbt; im Chorraum der Kirche ist er beigesetzt.
Der frühe Tod der Eltern, der Verlust seines älteren Bruders während der Pest, überhaupt die Erfahrung des 30-jährigen Krieges, die seine ganze Ausbildungszeit begleitete, führten nicht dazu, dass er den Krieg in seinen Liedern thematisiert hätte. Vielmehr richtete er seinen Blick stets auf das Überzeitliche, obwohl seine Lebenszeit nicht nur durch den großen Krieg, sondern auch durch Klimaverschlechterungen und Missernten geprägt war. Selbst die Jahre heftiger Auseinandersetzungen in Berlin, die seine Standhaftigkeit im lutherischen Bekenntnis so herausforderten, dass er die renommierte Stelle an der Nikolai-Kirche aufzugeben bereit war und erst einmal eine Zeit der Unsicherheit auf sich genommen hat, machten ihn nicht kämpferisch. Der Tod seiner Frau Anna in dieser Zeit und der Verlust von vieren seiner fünf Kinder trübten seine Glaubenszuversicht ebenso wenig.
Er suchte nicht eigenen Ruhm, sondern er wollte die Menschen trösten und ihnen die Hoffnung des christlichen Glaubens vermitteln.
Derzeit läuft eine Erprobungsphase für das neue Evangelische Gesangbuch, das zum Advent 2028 erscheinen soll. Unsere Nachbargemeinde in Bad Münstereifel ist an der Erprobung beteiligt. Wir dürfen gespannt sein, wie viele Lieder Paul Gerhardts im Neuen Gesangbuch Eingang finden werden. Als kürzlich eine „Hitparade“ beliebter Kirchenlieder ausgelobt wurde, schaffte es Paul Gerhardts Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ (EG 503) immerhin auf Platz 2!
Über den Fortgang des Neuen Gesangbuches kann man sich unter folgendem Link informieren:
https://www.ekd.de/aktuelles-zum-neuen-gesangbuch-52431.htm
Pfarrerin P.Reitz
[1] Dieses Lied befindet sich nicht im aktuellen Evangl. Gesangbuch!