Predigtmeditation für den Reformationstag, 31.10.2026

Meditation über Matthäus 10, 26b-33 für den Reformationstag, 31.10.2026

Prädikant Manfred Wussow, Aachen

Manfred.Wussow@ekir.de

Predigttext Matthäus 10, 26b-33 nach Luther 2017:

Darum fürchtet euch nicht vor ihnen!

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt.

Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Predigtmeditation

Roland Deines (NT) und Christoph Barnbrock (PT) haben den Predigttext exegetisch und praktisch-theologisch in

https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/reformationsfest-matthaeus-10

erschlossen.

Hilfreich mag sein, neben Luther auch die Übersetzung von R. Deines einzubeziehen:

„Nicht jedoch sollt ihr sie fürchten. Denn nichts ist zugedeckt, was nicht aufgedeckt werden wird und [nichts ist] heimlich, was nicht bekannt gemacht werden wird. Was ich rede zu euch in der Finsternis, sagt es im Hellen, und was ihr hört in das Ohr hinein, verkündet von den Dächern.  Weiter: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht imstande sind zu töten. Fürchtet dagegen viel mehr den, der imstande ist Seele und Leib zu verderben in der Gehenna. Werden nicht zwei Sperlinge für ein As verkauft? Und nicht einer von ihnen wird fallen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind die Haare des Hauptes alle gezählt worden. 31 Darum fürchtet euch nicht: In vielem unterscheidet ihr euch von Sperlingen.

Jeder nun, welcher ein Bekenntnis zu mir ablegt vor den Menschen – auch ich werde ein Bekenntnis zu ihm ablegen vor meinem Vater, der in [den] Himmeln ist. Wer immer aber mich verleugnet vor den Menschen – auch ich werde ihn verleugnen vor meinem Vater, der in [den] Himmeln ist.“

Der Reformationstag fristet ein Schattendasein. Dass er in vielen Bundesländern kein Feiertag (mehr) ist, mag man bedauern, dass er aber gottesdienstlich zu einem Stiefkind geworden ist, ist nicht zu entschuldigen.

In diesem Jahr fällt der Reformationstag auf einen Samstag. Nach alter Regel kann er am 1.11. auch noch begangen werden. Die Beobachtung, dass wir die Seligpreisungen nach Mt. am (ev.) Reformationstag und am (kath.) Allerheiligentag gemeinsam „lesen“, darf auffallen. Beide Tage sind inzwischen verwandtschaftlich verbunden.

Das war nicht immer so. Der Reformationstag feierte einst den Thesenanschlag Luthers in Wittenberg am 31.10.1517 und hatte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine antikatholische Tendenz. Der Thesenanschlag Luthers kann auch heute noch im Mittelpunkt stehen (wenn wir denn wenigstens den Thesen neue Geltung verschaffen würden!), nicht nur im ökumenischen Geist, sondern als Zeit-Ansage, als einmalige-wiederholbare Gelegenheit, über „Sünde“ öffentlich zu reden und Umkehr zu predigen. Längst hat auch die kath. Theologie die Fragen Luthers aufgegriffen, wenn auch immer noch nicht so umfänglich, wie es ihr gut täte (das freilich könnte man mir entweder als Hochmut oder als Ignoranz vorhalten…). Wenn unser Herr und Meister spricht: Tut Buße, dann… was dann?

Die Geschichte des Reformationstages zu rekapitulieren, könnte lohnend sein, trägt aber für unsere Predigt an diesem Tag nicht viel aus. Der vorgesehene Text hat es in sich! Er führt uns in die Reformation (re-formatio) nicht als einem vergangenen und zeitlich begrenzbaren Phänomen, sondern als Ereignis, das uns herausruft und herausfördert (oe!).

Der Text

Unser Predigttext ist Teil der sog. „Aussendungsrede“, der 2. großen Rede Jesu im Matthäus-Evangelium. In dieser „Aussendungsrede“ werden auch die Zwölf (der „Zwölferkreis“) erstmals angesprochen. Verschiedene Stücke sind hier zusammengewachsen, ergeben aber einen Sinnzusammenhang.

Mit der Aufforderung, sich nicht zu fürchten, beginnt der Predigttext (und schließt dabei an Bedrängnisse an, die offen ausgesprochen werden: V. 16: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“). Es kommen Verfolgungen! Die heile Welt ist nicht in Sicht, wird auch nicht prophezeit. Die Zwölf sind dazwischen und mittendrin. Es gibt Entzweiungen und Zerwürfnisse um Jesu Willen. V. 34 schließt sich unserem Predigttext ohne Puffer an:

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien…“

Es ist nicht nur eine „Aussendungsrede“, es ist eine Konfliktgeschichte, die sich hier auftut. Insofern spielen zwei Worte in unserem Predigttext die Schlüsselrollen: „fürchten“ und „bekennen“. In diesem Spannungsbogen steht die Aussendung.

Unser Predigttext besteht aus zwei Einheiten: (1.) 10,26–31 und (2.) 32-33. Im ersten Teil steht die Aufforderung, nicht Menschen, sondern Gott zu fürchten, im zweiten gibt es ein „sorgfältig antithetisch gestaltetes Konditionalgefüge“ (Deines). „Während der erste Teil direkte Anrede an die Jünger ist und die 2. Person Plural („ihr“, „euch“) dominiert, ist der zweite Teil allgemein formuliert und das Gegenüber zu Jesus steht in der 3. Person Singular: „Jeder, der…““.

Das Begriffspaar „fürchten“ und „bekennen“ wollen wir umrunden:

Gleich dreimal heißt es „Fürchtet euch nicht“.

V. 26 : Darum fürchtet euch nicht vor ihnen („darum“ ist eine Schließe);

V. 28:  Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können

V. 31: Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

Da der erste Teil mit V. 31 endet, beschließt das letzte „darum“ (V. 31) den ganzen Abschnitt, der in V. 26 mit einem „darum“ beginnt. Darum hat immer einen Begründungs- und Schlussfolgerungscharakter. Es ist geradezu logisch, sich nicht zu fürchten. Das mittlere „und fürchtet euch nicht“ bezieht sich auf Menschen, die NUR den Leib töten können, darin aber machtlos sind.

Wer ist aber zu fürchten? In unserem Predigttext entdecken wir, dass anders als – oft im landläufigen Sinn – nicht der Teufel zu fürchten ist, sondern Gott! Der Verweis auf die Hölle öffnet keinen eigenen, von Gott lösbaren Raum, der einen anderen Machtbereich kenntlich macht.

Der Satz „fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“ verweist auf den Richter, der ein letztes Urteil spricht. Doch, so ernst dieses „fürchten“ auch zu nehmen ist, sind die Zusagen  formuliert: Wir sind mehr als die Spatzen … Unsere Haare sind gezählt. „Darum fürchtet euch nicht“ (V. 31). In der dreifachen Zusage, sich nicht zu fürchten, ist die eine, sich zu fürchten, aufgehoben. Luther hat in seinem kleinen Katechismus die passende Umschreibung in Worte fassen können: Wir sollen Gott fürchten und lieben. Hier bekommt „fürchten“ in unserem Predigttext verschiedene „Schattierungen“. Sich nicht zu fürchten, heißt, frei zu sein – zum Bekennen, Gott zu fürchten, heißt, ihm – und seinem Wort – zu vertrauen. Ihn zu lieben. In der Predigt sollte dieses Wechselspiel hörbar werden. So bedrängend die Kontexte unseres Predigttextes sind: Die Aufforderung, der Imperativ, sich nicht zu fürchten, beruht auf einer Zusage, in der eingeschlossen ist, Gott das letzte Wort zu lassen – und es ernst zu nehmen.

Über Furcht (und Zittern) haben große Geister schon geschrieben. Ich denke an Kierkegaard. Als Predigende wissen wir, wie viele Menschen von Ängsten besetzt sind. Da öffnet der Anfang der „Aussendungsrede“ Ohren und Augen: V. 1: „Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.“ „Fürchten“ und „sich ängstigen“ können unterschiedlich sein, aber in ihren Fällen geht es immer auch um Tod, der sich des Lebens (und der Zukunft) bemächtigt. Die „Aussendungsrede“ wird von der Auferstehung Jesu her zu einer Tour in das Leben, zu einer Tour in das Reich Gottes. Gerade Matthäus hat das Reich der Himmel oft und gezielt im Blick. Aber nicht nur die philosophische Annäherung, auch nicht nur die psychologische, könnte unserem Predigttext genügen: Als „Aussendungsrede“ geht es, gerade an die „Zwölf“ gerichtet, um die Sendung in die Welt. Das Bekenntnis zu Christus, das wird im Evangelium gespiegelt, ist konfliktreich und ziemlich gefährlich (und gefährdet). Einerseits wird die Welt so beschrieben, wie sie ehrlicherweise zu beschreiben ist, andererseits wird sie zu einem Raum, in dem das Bekenntnis zu Christus die wahren Herrschaftsverhältnisse aufdeckt.

Hier öffnet unser Predigttext eine spezifische Sicht auf die Dinge:

„Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.“

Dieses Wort Jesu wird am Anfang und am Ende beschlossen mit dem Imperativ: „Fürchtet euch nicht.“

Schauen wir uns diese in weisheitlicher Tradition gefasste Satzkonstruktion genauer an, stoßen wir auf Gegensätze, die sich auflösen:

verborgen – offenbar,

geheim – wissen,

Finsternis – Licht,

ins Ohr gesagt – auf Dächern verkündigt.

Was ist aber verborgen, geheim, in der Finsternis, nur ins Ohr geflüstert?

Der Predigttext verrät das nicht auf dem ersten Blick. Aber wer genau hinhört, sieht die Menschen, die der Verkündigung des Evangeliums widersprechen, aber: versteckt, im Geheimen, zugedeckt, flüsternd. Neben der offenen Feindschaft (die in der Kreuzigung Jesu ihren Triumpf feiert) gibt es die verschwiegene, unsichere, abwägende – oder auch nur gleichgültige, sich enthaltende und beschwichtigende. Eine Kategorisierung von Feindschaft nimmt das Evangelium nicht vor, aber in der „Aussendungsrede“ wird der Imperativ, sich nicht zu fürchten, damit begründet, dass das Wort Jesu aufdeckt, was sich versteckt hält. Versehen mit dem Anspruch, dass er das letzte Wort hat. Der Jüngerkreis wird aus der Angst herausgeführt und befreit, sich zu Christus zu bekennen. Die Verhältnisse sind geklärt!

Unser Predigttext beschreibt einen Weg:

V. 26: Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Ich decke ihren Hinterhalt auf. Vertraut ihr meinem Wort, gerät alles ins Licht.

V. 28: Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Ihr seid in der Hand des Vaters. Wie die Sperlinge, die nicht vom Himmel fallen. Sogar eure Haare sind wie Kleinode handverlesen.

V. 31: Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

Dieses „kostbar“ beruht nicht auf Verdiensten, auch nicht auf Selbstzuschreibungen, schon gar nicht auf Werbeaktionen, sondern wir werden „kostbar“ in den Augen Gottes. Da treten wir aus dem Schatten der oder des vielen „Kostbaren“ heraus, bei denen Versicherungssummen Werte definieren. Vgl. Jer. 43,4: die Übersetzungen variieren zwischen „So viel bist du mir wert“, „Weil du so wert bist vor meinen Augen geachtet“ (Luther),  „Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen“ oder „Darum, weil du kostbar bist in meinen Augen“.

Sind Sperlinge kostbar? Der Predigttext kennt da keine Zweifel oder Rückfragen, weiß aber um die Steigerung: „kostbarer als viele Sperlinge“. Die Zwölf werden aber auf die Sperlinge bezogen.

Dieser Zusammenhalt in den VV 26-31 ist die Voraussetzung für die VV 32-32: Das Bekenntnis gründet darin, a) sich nicht zu fürchten (und fürchten zu müssen) und b) Gott zu fürchten (und zu lieben).

Aufgabe des Predigers, der Predigerin ist, in der Predigt den Weg von der Furcht bis zum Bekenntnis zu gehen bzw. mitzugehen. Es soll, es kann eine einladende Predigt werden, die die verschiedenen furchterregenden Sachverhalte anspricht, hier aber besonders auch der Situation gerecht wird, dass der Kirche – von innen und außen – kalter Wind ins Gesicht bläst. Dass die „Zwölf“ angesprochen werden, deutet auf die „Aussendung“ der Kirche hin. Über „die da oben“ ist freilich nicht zu reden, eher von denen, die als Christen jeden Tag in unterschiedlicher Weise sich zu Christus bekennen. Am Reformationstag ist das das Thema!

Die Predigt könnte die „Aussendungsrede“ Jesu in die Jetztzeit verlegen.

  1. Wir erzählen, wie bedrängend es oft ist, mit offener und versteckter Distanz zu unserem Glauben in alltäglichen Situationen umzugehen. Wir schlüpfen in den Zwölferkreis, was eben auch heißt, dass keiner alleine ist mit den Erfahrungen, die wir machen. Es gibt viele Geschichten!
  2. Um das Wort Jesu „fürchtet euch nicht“ gruppieren wir seine Zusage, dass wir ins Licht bringen, was (noch) finster und versteckt ist – und die Gewissheit, von ihm gehalten zu werden. Der Verweis auf Sperlinge und die Haare sind zu kostbar, um übergangen zu werden! Homiletisches Haarezählen ist angesagt! Genau genommen: Verliebte spielen mit Haaren – und Kinder.
  3. Dann ergibt sich, dass wir uns zu ihm, Christus, bekennen! Dass Menschen aus Angst kneifen, sich selbst versteckt halten und allenfalls im Flüsterton sagen, dass sie noch in die Kirche gehen, soll ermutigend umgeformt werden. Der drohende Unterton in V. 33 ist mit dem Text mitgegeben, aber der seelsorgerlich Predigende weiß damit umzugehen. Es ist das Evangelium, dass wir im Leben entdecken – und es entdeckt uns. Ent-deckt heißt auch: wir kommen ins Licht, wir werden der Finsternis entrissen, wir stehen auf dem Dach und reden. Das Evangelium!

Der Reformationstag stellt nicht die Recken von einst – die es nicht gegeben hat, allen Unkenrufen zum Trotz –  ins Rampenlicht, sondern die bedrängten, entmutigten, resignierenden Christen von heute. Es gehört eine große Freiheit dazu, sich wie Schafe unter die Wölfe senden zu lassen. Dass wir uns nicht fürchten, wird uns nicht einfach befohlen – es wird uns geschenkt, zugeeignet und immer neu vergewissert!

V. 42: „Und wer einem dieser Kleinen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Er wird nicht um seinen Lohn kommen.“

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