Predigtmeditation für den 01.11.2026

Pfr. Robert Stratmann, Ulm-Jungingen (Ev. Landeskirche in Württemberg)

 22. Sonntag nach Trinitatis, 1.11.2026: Römer 7, 14 – 25a

Der Text in der Lutherübersetzung

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.

15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.

16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. 17 So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

21 So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an.

22 Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.

23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?

25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Überlegungen zum Text

Diese Perikope ist die beste Auslegung der alten und zu allen Zeiten aktuellen Sündenfallgeschichte Gen. 3. Daß wir das Gute tun und das Böse lassen müssen, das weiß jeder Mensch. Und wir wollen es ja auch. Worin besteht dann der Sündenfall; wir können auch sagen: die Ursünde? Sie besteht darin, daß wir das Gute selbst erfinden und es unseren Mitmenschen aufzwingen, anstatt alles Gute von Gott zu empfangen und weiterzugeben. Einen Ausweg, den wir bauen und beschreiten könnten, gibt es nicht. Der Ausweg, den Gott geschaffen hat, führt über den Glauben, daß eben Gott am Karfreitag 33 in Jerusalem am Kreuz Jesu Christi die Sünde niedergerungen hat. Glaube daran, und du hast Vergebung der Sünde und das ewige Leben. Das ist alles.

 

Folgen daraus dann gute Werke – mit anderen Worten: ein Verhalten, das gut und heilend für unsere Mitmenschen (wir können auch sagen: den Nächsten) und dadurch auch für uns ist? Ja, aber nur in wenigen Fällen, und auch dann geschieht es hinter unserem Rücken, ohne daß wir uns dessen bewußt sind. Denn der freie Fluß vom Glauben zu den Werken ist weiterhin durch die Sünde blockiert. Solange wir leben, sind wir immer Sünder und Gerechtgesprochene zugleich, simul iusti et peccatores, genauer gesagt: Sünder in der Realität, Gerechte in der Ausrichtung auf Gottes Wort vom Kreuz Jesu Christi, peccatores in re, iusti in spe.

 

Zur Predigt

Wir verstehen es abermals, was im 2. Petrusbrief geschrieben steht (2. Petr. 3, 15 + 16): daß die Briefe unseres geliebten Bruders Paulus schwer zu verstehen sind. Es geht nicht nur uns so, sondern den nächsten Generationen nach Paulus (denen der 2. Petrusbrief entstammt) ging es ebenso. Daß wir dies feststellen, entbindet uns nicht davon, uns ums Verstehen zu bemühen. Also begeben wir uns auf diesen Weg.

Ein erstes Verstehen wird sich wohl schon einstellen, wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass Paulus uns hier im 7. Kapitel des Römerbriefs die beste Auslegung der alten Sündenfallgeschichte aus dem 3. Kapitel des 1. Buches Mose gibt. Wir erinnern uns: Adam, Eva, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, die Schlange, das Essen der verbotenen Frucht durch beide, den Mann und die Frau, beide für sich alleine verantwortlich.

Wiederum müssen wir die Fragen beiseitelassen, die einem da kommen, die in eine Bibelstunde passen würden: Was für eine Art Geschichte ist das denn? Wie sind denn die Einzelbilder dieser Bildmontage zu verstehen? Ist das nun ein einziger Baum, oder sind es zwei Bäume in der Mitte des Gartens? Warum kann die Schlange überhaupt sprechen? Nur so viel sei gesagt: Es ist wohl die genialste Geschichte der Menschheit über Versuchung und Sünde!

Greifen wir nur den Satz heraus, den die Schlange an die Menschen richtet. Der stellt die eigentliche Versuchung dar.

„Ihr werdet sein wie Gott, wissend um Gut und Böse.“

Das ist der Antrieb. Deswegen tasten die Menschen die Mitte an. Sie wollen um Gut und Böse wissen. Wie ein jeder, eine jede von uns! Und wie wir, so wollen auch Adam und Eva nur deswegen darum wissen, weil es ihnen um das Gute zu tun ist. „Ich will das Böse tun!“ Wer nimmt sich das schon vor? So einen Menschen habe ich noch nie gesehen.

Natürlich wollen wir das Gute. Was denn sonst? Und wir erfinden es. Und wir wollen es unseren Mitmenschen aufdrängen. Es kann jeder, es kann jede für sich überlegen: Woher kenne ich das? Wollte ich unseren Kindern einen bestimmten beruflichen Weg aufdrängen? Sie sollen es ja schließlich einmal besser haben als ich! Natürlich haben die sich etwas anderes in den Kopf gesetzt. Aber ich weiß es doch besser, was gut für sie ist!

Und wenn das dann aus dem Ruder läuft und im Chaos endet und man sich die feindselige Frage gefallen lassen muss: „Warum ließt ihr mich nicht meinen Weg gehen? Jetzt habe ich mir Chancen und Möglichkeiten verbaut, die ich nie mehr haben werde!“, dann lautet die hilflose Auskunft meistens: „Aber ich hab’s doch nur gut gemeint.“

Genau das ist es, was die Sündenfallgeschichte und Paulus unter „Sünde“ verstehen: „Ich hab’s doch nur gut gemeint.“ Ich meine, es war der bekannte Hamburger Theologe Helmut Thielicke, der dazu einmal sagte: „Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.“

Und dann wird einem von selber klar: Gott alles Gute zutrauen, von ihm empfangen und es als Liebe weitergeben, das wäre das Paradies gewesen.

„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“

Freisprechen kann man mich nicht. Denn ich und kein anderer war ja der Vollstrecker der Sünde!

Wir greifen noch etwas tiefer. Wir könnten ja jetzt sagen: „Deswegen brauchen wir Werte und Normen, und die haben wir; wir haben sie im Gesetz. Wir haben alle einmal die Zehn Gebote gelernt.“ Ja freilich, die haben wir. Und man kann sich auch an sie halten. Aber wozu halte ich mich denn an sie? Nehmen wir als Beispiel einfach mal die Zusammenfassung der zweiten Gebotstafel:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Von außen betrachtet muß es nicht schwer sein, das einzuhalten. Stellen wir uns das Szenario vor: Ein Nachbar muß für eine Woche ins Krankenhaus. Es ist ein Leichtes, ihn dort zu besuchen. An einem einzigen Nachmittag für eine halbe Stunde, das genügt ja schon. Aber warum tue ich es?

Tue ich es, um ihm zu zeigen: „Schau, wir haben dich nicht vergessen. Wir denken an dich. Wir wünschen dir Genesung. Wir freuen uns darauf, wenn du bald wieder bei uns bist.“ Dann ist es gut. Dann ginge es mir um den Mitmenschen und sein Wohlergehen. Oder tue ich es, um den Anderen zu zeigen: „Schaut mal, der war im Krankenhaus. Und wer außer mir hat ihn dort besucht? Habt ihr es überhaupt gewußt?“ Wäre das gut? Es wäre mir ja darum gegangen, selber gut dazustehen.

Das Gesetz, die Zehn Gebote, unsere Normen und Werte – die kann ich zur Selbstdarstellung mißbrauchen, anstatt dem Nächsten Liebe zu erweisen.

„Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“

Es wäre hoffnungslos, wären da nicht der Schluß des 7. und das 8. Kapitel. Genau deswegen hat Gott selber sich am Karfreitag in Jerusalem als Opfergabe gegeben. Weil wir da nicht mehr herauskommen. Er muß uns selbst heraushelfen.

Warum das nur über die Kreuzigung Jesu ging, und warum das neue Leben nur mitten im Sterben präsent ist, das wird uns nicht verraten. Hätte es nicht einfacher, leichter gehen können? Wir wissen es nicht. Uns bleibt nur die Möglichkeit, eben darauf zu hoffen, daß wir frei sind von der Sünde und vom Tod allein durch die Gnade Gottes. Mehr als dieses Versprechen haben wir nicht. Gott hat uns bisher nur sein Wort gegeben. Aber aus jeder Generation der Christenheit – es sind inzwischen fast 100 Generationen – wird uns bezeugt: darauf ist Verlaß. Damit kann man leben und sterben. Dann muß das aber auch für uns gelten.

Zur Gottesdienstgestaltung

Das liturgische Leitbild für den 22. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest ist „In Gottes Schuld“.

Liturgische Farbe: grün

 Lieder:

EG 440

EG 404

EG 446, 5 – 9

EG 349

Zur Hl. Taufe: EG 202 oder 211

Zum Hl. Abendmahl: EG 220 oder 221

Liturgische Gestaltungsvorschläge:

Wochenspruch: Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte (Ps. 130,4)

Wochenpsalm: Ps. 143, 1 – 9

Schriftlesung: Jes. 44, 21 – 23

Halleluja-Vers: Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden (Ps. 147,3)

Evangelium: Mt. 18, 21 – 35

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