Dr. Rainer Stahl, Erlangen, pensionierter Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes,
Meditation für den 21. Sonntag nach Trinitatis, 25.10.2026
Text: Jeremia 29,1.4-7(8-9)10-14
1.a) Zuerst biete ich Ihnen den Bibeltext entsprechend der Lutherbibel, revidiert 2017:
- 1a „Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte
- 1b an den Rest (1) der Ältesten, an die Priester und Propheten und das ganze Volk, die
weggeführt hatte (2) Nebukadnezzar von Jerusalem nach Babel (3). […]
- 4a So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels,
- 4b zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
- 5a »Baut Häuser und wohnt darin;
- 5b pflanzt Gärten und esst ihr Früchte;
- 6a nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen
und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären (4);
- 6b mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
- 7a Suchet der Stadt (5) Bestes (6), dahin ich euch habe wegführen lassen, und
betet für sie zum HERRN;
- 7b denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.«
- 8a Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels:
»Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager
nicht betrügen,
- 8b und hört nicht auf die Träume, die sie träumen!
- 9a Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen.
- 9b Ich habe sie nicht gesandt« spricht der HERR (7).
- 10a Denn so spricht der HERR: »Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will
ich euch heimsuchen
- 10b und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen
Ort bringe.
- 11a Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR:
- 11b Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft
und Hoffnung (8).
- 12a Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten,
- 12b und ich will euch erhören (9).
- 13a Ihr werdet mich suchen und finden;
- 13b denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
- 14a so will ich mich von euch finden lassen«, spricht der HERR, »und will eure
Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten,
wohin ich euch verstoßen habe«, spricht der HERR,
- 14b »und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen
lassen«.“ (10)
1.b) Die Durchsicht des biblischen Textes von Jeremia 29 hat die Frage des Verhältnisses des griechischen Textes in der Septuaginta zum hebräischen Text aufgegeben: „Das Anliegen, überlieferte prophetische Botschaften für die eigene Zeit und die aktuellen Adressaten nutzbar zu machen, zeigt sich nicht nur in dieser sich auf Jeremia beziehenden Literatur, sondern wird bereits im Akt der Übersetzung des hebräischen Jeremiabuches ins Griechische spürbar. In diesem Zusammenhang vorgenommene bewusste Anpassungen und Anspielungen an das alexandrinische Diasporamilieu und dessen spezifische Schwierigkeiten sind mit ein Grund dafür, dass gerade das Jeremiabuch erhebliche Unterschiede zwischen hebräischem und griechischem Text aufweist. […] Die Unterschiede zwischen dem masoretischen Text und der Septuaginta sind in fast keiner anderen alttestamentlichen Schrift so groß wie bei Jer. […] Während viele annehmen, dass es sich bei der hebräischen Vorlage der Septuaginta-Fassung um einen gegenüber dem masoretischen Text älteren und kürzeren Text handelt, rechnen andere, so auch diese Bearbeitung, im Wesentlichen mit Kürzungen durch den bzw. die Übersetzer […]“ (11).
Unser Brieftext steht in der Septuaginta im Kapitel 36. Ich gebe die besonders markanten Abweichungen vom hebräischen Text:
- 1b „[…] zu den Ältesten der Kolonie und zu den Priestern und zu den falschen Propheten schickte, einen Brief nach Babylon für die Kolonie und zum ganzen Volk.“
- 6a „[…] und für eure Söhne nehmt Frauen und eure Töchter gebt Männern, und vermehrt euch und werdet nicht weniger.“
- 7a „Und sucht nach dem Frieden des Landes […].“
- 11b „[…] um euch dies zu geben.“
- 13 und 14 „Und ihr sollt mich suchen, und ihr werdet mich finden, wenn ihr mich mit eurem ganzen Herzen sucht, und ich werde mich euch zeigen“ (12).
- Historische Grundinformationen
Es gab zwei Deportationen: 597 v.Chr. nach dem ersten Krieg des Babylonischen Reiches gegen Juda (während der dreimonatigen Herrschaft von König Jojachin, der dann nach Babylonien deportiert wurde) und 586 v.Chr. nach dem zweiten Krieg (gegen Ende der zehnjährigen Herrschaft von König Zidkija / Zedekia, der als Geblendeter deportiert wurde). Dazu sind auch die Informationen in 2. Könige 24,8 – 25,7 zu vergleichen! Der originale Brief des Jeremia betraf die Gruppe der Erstexilierten!
Ich glaube, dass Jeremia in seinem originalen Brief noch nicht die Frage der Gesamtdauer des Babylonischen Reiches (siebzig Jahre) aussprechen konnte (V. 10). Das muss eine Zusatzüberlegung von späteren Tradenten sein. Wie konnte auch dieser Brief nach Babylon transportiert und dort vor den Exilierten öffentlich verlesen worden sein, ohne die Aufmerksamkeit der babylonischen Geheimdienstleute hervorzurufen? Jetzt wird eine Passage im heutigen Bibeltext als problematisch deutlich: In V. 3 wird der Eindruck erweckt, dass dieser Brief durch eine offizielle Delegation direkt König Nebukadnezzar vorgelegt worden sei:
- 3a „durch Elasa, den Sohn Schafans, und Gemarja, den Sohn Hilkijas,
- 3b die Zedekia, der König von Juda, nach Babel sandte zu Nebukadnezar, dem König
von Babel.“
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Wichtiger Hinweis: Die aufzählende Nummerierung 1., 2. usw. vor den einzelnen Versen des Predigttext in der Meditation von Bruder Stahl ist unbeabsichtigt durch das System gesetzt worden. Zudem fehlt die weitere Auslegung nach dem Zitat von V. 3. Das ist beim Hochladen weggefallen. Eine Kinderkrankheit der neuen Predigtwerkstatt also. Wir bemühen uns darum, das zu beheben.