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Ein protestantischer Zwischenruf zum Papst-Buch: Um welchen Jesus von Nazareth geht es in dem Buch?
von Wilhelm Drühe
Heute, am 16. April 2007, hat der Herder Verlag in Freiburg die 150 000 Exemplare
des Papstbuches Jesus von Nazareth ausgeliefert und wie meine Buchhandlung sagte die erste Auflage verkauft. Der Papst hat Geburtstag, wird 80 Jahre alt. Und die Welt erlebt das, was es vorher noch nicht gegeben haben soll: ein Papst schreibt ein Buch, ein theologisches, nicht ein lehramtliches Werk eines Papstes, der immer hin für sich beansprucht, Stellvertreter dieses Jesus von Nazareth auf Erden zu sein. Seit dem 1. Vatikanischen Konzil (1869 1870) ist der Papst unfehlbar, wenn er ex cathedra zu Glaubensfragen spricht. Jetzt wird überall betont, wie durch den Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, nach der Präsentation des Papstbuches: Benedikt XVI. schrieb das Buch nicht als Professor und Papst, sondern als Christ und Gläubiger. Geht das überhaupt?
Hat Rom die dogmatischen Waffen nicht mehr nötig?
Als ich in den letzten Tagen gehört und gelesen habe, was über dieses Buch schon veröffentlicht wurde, da kam mir die Frage: Hat sich das Papsttum unter Benedikt XVI. so entwickelt, dass es (fast) auf das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit verzichten kann? Dieses höchste Kirchenamt in Rom war immer Stein des Anstoßes seit der Trennung der östlichen Kirchen im Jahre 1054, seitdem die Reformatoren wie Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz verbrannt wurden (1415) dann in der Auseinandersetzung mit den deutschen und schweizerischen Reformatoren im 16. Jahrhundert. Auf den Konzilien sorgte Rom für Sicherheit und Stabilität, zuletzt durch das Papstdogma von der Unfehlbarkeit. Und jetzt schreibt ein Papst ein Jesus-Buch und gibt die Diskussion frei wie immer wieder und überall in katholischen Kirchenkreisen betont wird. Ich bin gespannt, was daraus wird!
Wohin hat sich die Papst-Kirche entwickelt? Sie hat sich sicher auch durch sehr geschickte Organisation zu einer Event-Kirche entwickelt. Erste Anfänge bei den Auslandsreisen des Papstes Johannes Paul II., dann die Konzentration auf Rom gipfelnd in dem Sterbe- und Beerdigungskult. Papst Benedikt XVI. steigt hier voll ein, obwohl er zunächst als der Professor der Theologie und Chef der Glaubenskongregation (bis 1965 die Inquisition!) nicht der Typ für diesen Zug kirchlicher Großarbeit zu sein schien. Das Kölner Großtreffen und der Besuch seiner bayrischen Heimat zeigten, dass die Planung und Berechnung der Kurie aufgegangen ist. Und zur Feier seines Geburtstages erreicht der kirchliche Personenkult seinen Höhepunkt! Jetzt erleben wir die römische Kirche des Triumphes (ecclesia triumphans). Und über allem schwebt das Buch, das der Stellvertreter Jesu Christi über den schrieb, den er auf Erden zu vertreten hat den Sohn des lebendigen Gottes!
Der Literaturknüller des Jahres: Papstbuch über Jesus
So heute die Überschrift in einer Kölner Tageszeitung (von dpa). Was kommt da auf mich zu? Benedikt XVI. operiert gewissermaßen am offenen Herzen des Christentums. Ihm ginge es um die Frage, wer Jesus von Nazareth eigentlich wirklich war. Wer vorher Antworten in Jesus-Büchern gegeben hatte, dessen Jesus-Bilder waren lediglich Fotografien der jeweiligen Autoren, aber keine Freilegung des historischen Jesus, wie er in der Bibel geschildert wird Papst Benedikt XVI. schaffe dieses. In diese Kerbe schlägt dann auch selbst DIE ZEIT aus Hamburg: Das Papstbuch entschlacke die Jesus-Mythen.
Und plötzlich ist auch in unserer evangelischen Kirche ein Lobgesang auf dieses Buch und diesen Mann erklungen allen voran Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der EKD. Ich schätze an Papst Benedikt vor allem seine außergewöhnliche theologische Bildung und seine eindringliche Frömmigkeit, die beispielhaft bereits in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est zum Ausdruck kommen. Gleich zu gleich gesellt sich gern der Professor, der Bischof, auch wenn er in seinem Berliner Amt durch den Papst nicht anerkannt wird. Hat Bischof Huber vergessen, wie er bei der Kölner Audienz durch diesen Papst tituliert worden ist Vertreter nur einer kirchlichen Gemeinschaft?
Um welchen Glauben geht es dem Papst?
Papst landet Volltreffer, meint Fernsehmoderator Peter Hahne (Berlin) zum glaubensweckenden Jesus-Buch. Hahne ist Mitglied des Rates des Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nur um welchen Glauben geht es Papst Benedikt XVI.? Ich weiß natürlich noch nicht, welche Antwort das neue Buch geben wird. Ich gehe von den grundsätzlichen Entscheidungen des Theologen Ratzinger aus, die er als Papst in seiner Regensburger Vorlesung bestätigt hat. 1959 sagte der Professor in seiner Bonner Antrittsvorlesung: Der christliche Glaube nimmt die philosophische Gotteslehre in sich auf und vollendet sie. Scharf gesagt: Der Gott des Aristoteles und der Gott Jesu Christi ist ein und derselbe, Aristoteles hat den wahren Gott erkannt, den wir im Glauben tiefer und reiner erfassen dürfen. Joseph Ratzinger hat damals schon deutlich gesagt, dass es dabei um die Entscheidungsfrage zwischen katholischem und evangelischem Verständnis des Christentums gehe. In den evangelischen Theologie wird kaum auf diese Frage eingegangen fast als würde sie die Ökumene stören!
Es ist eine gravierende und verbreitete Mangelerscheinung evangelischer Theologen, dass man diese Gleichsetzung von griechischer Philosophie und biblischer Theologie (Vernunft und Glauben) auf römisch-katholischer Seite nicht wahrhaben will. Der biblische Gott Jesu Christi, von dem evangelische Theologen ausgehen, ist ein grundsätzlich anderer als der katholische Gott Jesu Christi, der identisch ist mit dem philosophischen Gott des Aristoteles und der griechischen Philosophie. Das ganze Kirchensystem des römischen Katholizismus hängt von dieser Gleichsetzung ab der katholische Glauben ist ein grundsätzlich anderer als der evangelische, was immer man darunter verstehen mag! Gleiches gilt für die beiden Sakramente, die unsere evangelische Kirche als von Jesus Christus eingesetzte gelten lässt: Taufe und Eucharistie, damit eng verbunden das katholische Weihesakrament.
Kann was Christum treibet weiterhelfen?
Für Martin Luther war das die theologische Mitte der Schrift, das gedankliche Zentrum. Deshalb lehnte er auch die Scholastik, vor allem die Lehren des Thomas von Aquin mit der erwähnten Verbindung von Vernunft und Glaube ab. Sola scriptura schloss ausdrücklich aus, dass es zu Vermischungen und Vermengungen mit philosophischen Denkstrukturen kommt. In seiner Jesaja-Vorlesung (1527/29) sagte Luther: Die falsche Auslegung der Schrift im Papsttum soll uns zum Studium der gelehrten Wissenschaften und der Redekunst bewegen, die einem Theologen höchst nötig sind. Lesen wir also aufmerksam das neue Jesus-Buch und fragen wir kritisch, wohin es führt? Und um welchen Jesus von Nazareth es dem Professor Ratzinger ging und dem Papst Benedikt XVI. geht.
Pfr. i. R. Wilhelm Drühe, Mettmann, 16.04.07
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