und jetzige Ehrenvorsitzende unseres Konvents, Sup.em. Ernst Volk hat einen
Aufsatz über wahre und falsche Katholizität geschrieben. In gekürzter
Fassung ist dieser Aufsatz in der Zeitschrift CA I/2003 erschienen. Wir
geben den vollständigen Text wieder.
- Der Evangelist Lukas berichtet, dass Christus zwischen
zwei Übeltätern hängend hingerichtet wurde. Der Unschuldige
wird den Schuldbeladenen zugerechnet und wird mit ihnen im Tode abgetan.
Die Strafe der beiden Verbrecher muss auch der Christus Gottes erleiden.
Es erfüllt sich die Prophetie: Aber der Herr warf unser aller Sünde
auf ihn. (Jes. 53, 6).Zwischen den drei Gekreuzigten entspinnt sich ein erschütterndes
Gespräch. Während der eine der Übeltäter in seiner
Verzweiflung den Gekreuzigten in der Mitte verhöhnt: Bist du der
Christus, so hilf dir selbst und uns. Er erwartet nichts von seinem Mitgekreuzigten
und spottet seines Christusnamens. Doch der zweite Mitgekreuzigte strafte
ihn, er wies ihn zurecht: Und du fürchtest dich nicht vor Gott,
der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind zwar billig darin, denn
wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes
getan.Der Gang in den Tod ist für jeden Menschen ein Hingang
zu Gott und seinem Gericht und unausweichlich. Diese Gewissheit
kann ich verzweifelt verdrängen und stürze gerade so in das letzte
Verhängnis! Oder ich erkenne die Rechtmäßigkeit meines
Todesgeschickes an, weil unser ganzes Dasein Gott verfehlt hat und meine
Schuld mich anklagt! Der andere Verurteilte wendet sich deshalb in seiner
Verzweiflung und mit verfehltem Leben an den Mann in der Mitte: Herr,
gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Denn Zuflucht ist bei
dem alten Gott und unter den ewigen Armen (5. Mose 33, 27). Hilfe suchend
greift der zweite Verurteilte wie ein Ertrinkender nach seinem Retter.
Von dem gekreuzigten Gott erfährt er die von Tod und Gericht befreiende
Zusage: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.
(Luk 23, 39-43). Dieses Wort allein reißt den Schuldigen aus seinem
Verhängnis heraus. Ausschließlich diese Zusage öffnet den
durch Sünde und Schuld verrammelten Weg ins ewige Leben. Genau diesen
Vorgang nennt später der Heidenapostel Paulus die Gerechtigkeit Gottes,
die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus (Rö. 3, 23).Es ist nicht die Reue, die den Verurteilten vor Gott
gerecht macht; denn auch der andere Verbrecher hat bitter bereut. Aber
es ist eine Galgenreue, die ihn an sich und seine Schuld für immer
fesselt. Der zweite dieser sog. Schächer dagegen umfasst mit seinem
Schrei Gedenke an mich niemand anderen als den Gott, der neben ihm, mit
ihm und für ihn leidet.Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden
hätten, so heißt es in der prophetischen Ankündigung des
Geschehens auf dem Hügel Golgatha draußen vor den Mauern Jerusalems
(Jes. 53, 5).Es sind auch nicht irgendwelche Glaubensverdienste, die
diesem Schächer angerechnet werden könnten. Solche guten, von
der Liebe geformten Werke konnte dieser Mensch nicht mehr vollbringen.
Er bleibt allein auf das erbarmende Wort Christi zurückgeworfen! Nichts
anderes rechtfertigt ihn in diesem letzten und ewigen Gericht. Er klammert
sich allein an den mitgekreuzigten Christus; an nichts sonst! Der, der
allein rettet ihn und reißt ihn kraft seiner göttlichen Gerechtigkeit
heraus aus Gericht und Verdammnis. Das wird uns in der Christusbotschaft
verkündigt und zugesagt. Wir können diese Zusage nur hören
und ihr vertrauen. Im Vertrauen auf diese Zusage wird Christus mir mein
Retter und mein Erlöser; wird ER meine Gerechtigkeit, die allein vor
Gott gilt. - Christus selbst verdeutlicht diesen entscheidenden
Sachverhalt im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer (Luk. 18,
9-14). Beide Männer beten im Tempel. Beide stehen also vor Gott. Der
Pharisäer beruft sich vor Gott auf seine guten und frommen Taten.
Er achtet im Unterschied zu den anderen Leuten auf die Erfüllung
der Gebote; er fastet und gibt den Zehnten. Er heuchelt nicht. Vielmehr
kann er auf ein frommes Leben verweisen; er müht sich redlich um
ein anständiges Leben. Sein Leben gründet sich auf seine von
ihm erkämpfte Rechtschaffenheit, die er Gott vorweist. Der Zöllner
dagegen kann weder auf ein bürgerlich anständiges Leben verweisen,
auch nicht auf seine fromme Gesinnung. Er wollte seine Augen nicht aufheben
gen Himmel. Da ist nichts, dessen er sich rühmen könnte. So
kann er nur noch seufzen: Gott, sei mir Sünder gnädig! Er kann
sich mit seinem verfehlten Leben nur dem Erbarmen Gottes anvertrauen! Ausdrücklich
sagt Jesus: Dieser (Sünder) ging hinab gerechtfertigt in sein Haus
… Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, wird nicht in uns selbst, nicht
in unseren Taten, schon gar nicht in unserer Selbstfindung gefunden.
Sie wird uns als Gottes Erbarmen, als Gnade geschenkt, ein Geschenk, das
ich nur vertrauend an- und hinnehmen kann. Auch hier sind alle Verdienste
auch alle frommen Verdienste ausgeschlossen. - Dasselbe widerfährt auch einem Simon Petrus auf
seinem Fischzug (Luk. 5, 1-11). Die Nähe Christi, die Nähe des
Mensch gewordenen Gottes lässt ihn seine ganze verzweifelte Verlorenheit
innewerden: Herr, gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch!
Denn es war ihn ein Schrecken angekommen …Da gibt es nichts mehr, auf das er sich berufen könnte.
Selbst die Zugehörigkeit zu Gottes Volk wird wesenlos. Da ist nur
noch das Sündersein, jene höllische Verlorenheit. Doch dann erreicht
ihn das rettende Wort Christi: Fürchte dich nicht! In diesem Wort
des Herrn erlischt die Hölle, schließt sich der Abgrund. Er
ist trotz aller Sünde angenommen! Das Fürchtet euch nicht
auf Bethlehems Fluren erreicht hier einen Menschen und seine Ausweglosigkeit
und richtet ihn auf.Das ist das neue Fundament, auf dem Petrus, auf dem wir
uns allein gründen können und dürfen.Unmittelbar danach stellt Christus uns alle und den Petrus
in seinen Dienst: Denn von nun an wirst du Menschen fangen!Das Wort, das uns aus Schuld, Tod und Gericht herausreißt,
bleibt nicht allein. Die Jünger und wir alle mit ihnen werden Seine
Zeugen sein zu Jerusalem … bis an das Ende der Erde (Apg. 1, 8).Das Wort Christi fängt Menschen ein. Das Wort
sammelt sich seine Gemeinde; seine Ecclesia, d. h. die Gemeinde der Glaubenden,
die dem Wort vertrauen und die durch das Christuswort aus Sünde, Schuld,
Angst und Tod herausgerufen werden (so die sinngemäße
Bedeutung des griechischen Ecclesia).
Wahre und falsche Katholizität
von Ernst Volk
I
das Reformationsfest am 31. Oktober dem Thesenanschlag Luthers
mit sog. ökumenischen Gottesdiensten begangen wird. In der Regel
wird ein römisch-katholischer Priester als Prediger berufen, um die
ökumenische Verbundenheit zu unterstreichen. Im Jahre 2002 wurde mancherorts
der 31. Oktober sogar mit einem Festgottesdienst zum 30. Jahrestag der
Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils gefeiert. Erstaunt reibt
man sich die Augen und fragt sich, ob denn viele evangelische Pfarrer,
ob denn etwa die evangelische Kirche selbst zur Reformation nichts Eigenständiges
mehr zu sagen hat. Übernimmt man mit derartigen Feiern nicht ungewollt
und unbewusst die stillschweigend vorausgesetzte These, dass Luther mit
seiner Reformation die Einheit der Kirche zerstört habe und die evangelische
Kirche gut daran täte, den Skandal der Kirchentrennung zu überwinden?
Dabei muss man sich dessen bewusst sein, dass eine erdrückende Mehrheit
der Bevölkerung diese ökumenischen Gottesdienste und Annäherungen
begrüßt. Auf diese Weise würden doch so argumentiert
man die alten, oft hasserfüllten Streitigkeiten in Ehen und Familien,
in Dörfern und Städten, ja in Europa und draußen in der
weiten Welt endlich begraben und vergessen. Dieser ökumenische Friedensschluss
so folgert man weiter sei zugleich auch ein Schritt hin zur Demokratisierung,
hin zum Weltfrieden, der in einer Ökumene der Weltreligionen und
in einem interreligiösen Weltfrieden-Ethos einmünden müsse.
Alle Weltprobleme ließen sich so in einem umfassenden Dialog lösen.
Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden. In diesem
Sinne wäre also die ökumenische Bewegung im weitesten Sinne
katholisch, gemäß dem ursprünglichen Sinn kat holän
(gän), die ganze Erde, den ganzen Weltkreis (= Ökumene) umfassend;
entsprechend heißt katholikos so viel wie allgemein oder alles
umfassend. Damit schienen jene o. g. ökumenischen Gottesdienste
ein Schritt in die richtige Richtung zu sein (wie heute Politiker das
gerne auszudrücken belieben).
Trifft dies zu, dann kann man in der Tat den traditionellen
Sinn des Reformationsfestes preisgeben, jene unglückliche Reformation
zu überwinden zu versuchen, damit die Welt endlich aus ihrer tödlichen
Zerrissenheit herausfinde.
II
Andererseits jedoch verraten jene ökumenisch gesinnten
Gottesdienste nur, dass man auf evangelischer Seite weithin vergessen zu
haben scheint, dass sich die evangelische Kirche mit den beiden altkirchlichen
Glaubensbekenntnissen, dem apostolischen und dem nicaenischen Bekenntnis,
zur einen, heiligen, katholischen (= allgemeinen) und apostolischen
Kirche bekennt.
Das Katholische wurde einst noch nicht im engeren konfessionellen
Sinn missverstanden. Diese konfessionelle Verengung setzte sich erst später
durch. Die großen Lehrer der evangelischen Kirche im 16. und 17.
Jahrhundert nahmen für die reformatorische Bewegung wie selbstverständlich
in Anspruch, wahrhaft katholisch zu sein, dass evangelische Verkündigung
allumfassend ist, da das Evangelium alle Menschen des ganzen Erdkreises
zum Glauben ruft. Mit Recht hat deshalb Martin Luther das Fremdwort katholisch
sinngemäß mit der einigen, heiligen, christlichen, apostolischen
Kirche wiedergegeben, die ganze Christenheit umfassend.
Im Jahrhundert der Reformation wurde also nicht um die
Katholizität der Kirche gestritten. Katholisch wollten beide sein:
die Päpstlichen und die Lutherischen! Der Streit entbrannte vielmehr
an der Frage, was rechte Katholizität sei.
Das ist freilich alles andere als eine müßige
Frage, wie der heutige weithin säkularisierte Zeitgenosse wähnt,
dem die Wirklichkeit der Gnade verloren gegangen ist, weil ihm ein vertieftes
Sündenbewusstsein fehlt. Weithin huldigt man seit Jean Jacques Rousseau
der Illusion trotz der Guillotine, trotz Lenin, Stalin und Hitler und
den furchtbaren Greueln dieser Revolutionäre -, dass der Mensch auf
dem Grunde seines Wesens gut sei. Dieser Optimismus verstellt den Zeitgenossen
den Blick in die Abgründigkeit des Menschenherzens. Wie sollte
er noch verstehen, dass er dem Gericht Gottes verfallen ist, dass er der
Vergebung Gottes allein bedarf. Allein auf Gnade will keiner zurückgeworfen
sein.
Genau dies aber sind die zentralen Fragen, um die im
Reformationsjahrhundert gestritten wurde. Dieselben Probleme stehen auch
heute verschärft zur Debatte, wenn es auch der Zeitgenosse nicht wahrhaben
will. An ihnen entscheidet sich nicht nur das Schicksal einer evangelischen
Kirche, sondern auch das Geschick eines einstmals trotz aller konfessionellen
Spannungen christlichen Europa. Die angeblichen Streitfragen sind allen
ökumenischen Aufbrüchen zum Trotz keineswegs gelöst; sie
sind so zukunftsträchtig wie eh und je.
III
Während im Neuen Testament die Kirche in der Regel
als Gemeinde (ecclesia) Gottes oder als Berufene Jesu Christi oder
auch als Leib Christi bezeichnet wird, taucht der Ausdruck katholische
Kirche erst um 110 nach Christus in den so genannten Ignatius-Briefen
auf. Der zur Hinrichtung nach Rom gebrachte Märtyrer-Bischof Ignatius
von Antiochien ermahnt in einem seiner Abschiedsbriefe die Christengemeinde
von Smyrna, ihrem Bischoff zu folgen wie Jesus Christus, denn wo Christus
Jesus ist, dort ist auch die katholische Kirche (Ignatius: ad Smyrn. 8, 2).
Der entscheidende Angelpunkt ist also Christus selbst! Dem Bischof soll
man folgen, weil dieser als berufener Leiter der Gemeinde Christus selbst
repräsentiert. Nicht die Kirche also garantiert die Gegenwart
Christi in Welt und Geschichte. Vielmehr bewirkt der in dieser Weltzeit
durch sein Wort und Sakrament anwesende Christus auch die Sammlung der
Gemeinde Jesu Christi. Um sein verkündigtes Wort kristallisiert sich
auch die katholische Kirche. Damit ist bereits die entscheidende Weichenstellung
erfolgt. Nicht die Kirche ist Herrin des Wortes, über das sie selbst
verfügen könnte, sondern die Kirche ist das Geschöpf des
Christuswortes. Diese Reihenfolge ist unumkehrbar! Das Christuswort ist
und bleibt das Primäre. Die rechte katholische Kirche kann nur Antwort
und Echo des Wortes sein, demütige und gehorsame Dienerin der Christusbotschaft.
Deshalb ist es ihr ebenso wie dem alttestamentlichen Gottesvolk verwehrt,
die vorgegebene Botschaft zu verändern, daß ihr nicht davon
weichet, weder zur Rechten noch zur Linken (Jos. 23, 6).
Die rechte allgemeine christliche Kirche (= katholische)
steht und fällt also mit dem Wort von Kreuz und Auferstehung Christi,
jener fundamentalen Botschaft, die uns in den Schriften der Propheten und
Apostel überliefert und dargeboten wird. Deshalb kann der ursprüngliche
und unverfälschte Inhalt des Evangeliums nur in der Heiligen Schrift
gefunden und aus der Schrift erhoben werden. Das eigentliche Zentrum der
Schrift, um das sich alle alt- und neutestamentlichen Traditionen gruppieren,
ist jenes zentrale Ereignis, dass Christus, der Sohn Gottes um unserer
Sünde willen dahingegeben ist und um unserer Gerechtigkeit willen
auferweckt wurde (Rö. 4, 25).
IV
An drei Beispielen der Schrift soll dieser Sachverhalt
erhoben werden.
V
Diese drei genannten Beispiele aus der Heiligen Schrift
machen deutlich, dass das Wort Gottes in sich gleichsam zweipolig ist.
Das Wort bewirkt einerseits ein heilsames Erschrecken:
Ich bin ein sündiger Mensch; sündig, weil das strenge göttliche
Du sollst nicht! mich anklagt und zum Tode verdammt. Andererseits begegnet
mir Gottes Wort als die Christus-Zusage, die den Verurteilten zum Leben
begnadigt: Dir sind deine Sünden vergeben. (Matth. 9, 2 u. par.).
Gottes Wort begegnet uns also zweipolig: als Gesetz und
als Evangelium! Beide Worte sind aufeinander bezogen und müssen
demnach sorgfältig unterschieden werden. Es geht um Gottes richtendes
und Gottes freisprechendes Wort. Allein in dieser Zweipoligkeit ist die
biblische Botschaft wahrhaft katholisch, d. h. universal, weil es die
ganze Menschheit zu Gott zurückruft. Sie richtet und ruft die Glaubenden
aus dem Tod ins Leben. So will Gott, dass allen Menschen auf der ganzen
Welt (kat holän gän) geholfen wird.
Die Kirche ist deshalb nur dann katholisch, insofern
sie das Wort als Gesetz und als Evangelium untrennbar und doch unterschieden
der verlorenen Menschheit ausrichtet.
Grundlage dieser Katholizität kann nur die Heilige
Schrift sein, nicht auch noch andere menschliche, vernünftige oder
sog. spirituelle Ergänzungen, Auslegungen, Beimengungen oder Auslassungen.
Die Schrift legt sich selber aus! Gerade in der Doppelpoligkeit von Gesetz
und Evangelium wird ihre innere Einheit und Eindeutigkeit durch alle Überlieferungsschichten
der Schrift hindurch erkannt.
Es war also die entscheidende Erkenntnis Martin Luthers,
dass er die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium in der Schrift wieder
entdeckte und sie dadurch von allen philosophischen Überlagerungen
befreite. Damit hat er gerade die weithin verschüttete Katholizität
der Kirche wieder hergestellt. Die der Reformation verbundenen Kirchen
bedürfen es deshalb gerade nicht, bei der römischen Kirche Anleihen
einer vermeintlichen Katholizität zu machen. Alle diese Versuche einer
sog. Ökumenizität (wie man heute gerne das Katholischsein
der Kirche umschreibt) könnte gerade die rechte, die allgemeine Universalität
der Kirche Jesu Christi wieder in fremden Traditionen, in einer falschen
Spiritualität und in einer neuen Gesetzlichkeit versinken lassen.
VI
Der in den letzten Jahrzehnten gebräuchlich gewordene
Begriff ökumenisch ist ein vieldeutiges und schillerndes Wort;
zumal man damit eine sog. versöhnte Verschiedenheit meint, so als
ob man nur die verschiedenen, in der Geschichte gewordenen Traditionen
miteinander zu vergleichen und einander anzunähern brauche, um dann
in irgendeiner Zukunft die Einheit der Kirchen, ja sogar aller Weltreligionen
zu erreichen. Man redet deshalb gerne von einer Komplementarität,
die das einander Unvereinbare in einer coincidentia oppositorum, in einem
Zusammenfall aller Gegensätze zusammenführt.
Eine faszinierende Vision! Dennoch könnte sich in
dieser visionären Utopie die satanische, die antichristliche Versuchung
verbergen. In einer großen Schau zeigt nämlich der Versucher
dem Sohn Gottes alle Reiche der Ökumene (Luk. 4, 5; Matth. 4, 8).
Die satanische Verlockung verspricht: Das alles will ich dir geben, wenn
du mich anbetest. (vgl. bei Luk. und Mtth. ebenso).
Eine friedlich vereinte Ökumene widerspricht nicht
nur dem reformatorischen Bekenntnis, sie trägt vor allem das Signum
der Lüge an der Stirn. Das Satanische an den Visionen einer geeinten
Welt besteht darin, dass Christus und mit ihm seine Gemeinde dazu verleitet
wird, den Kreuzweg zu verlassen und den breiten Weg (Mtth. 7, 13) in
einen Gottesfrieden ohne Gott zu suchen.
Christus dagegen widerstrebt der Versuchung einer sog.
versöhnten Welt, indem er den Kreuzweg wählt. Alle gegenwärtigen
ökumenischen Versuche verraten sich als das gefährliche Spiel,
dem Herrn Jesus Christus beim Bau einer neuen, friedlich-versöhnten
Welt beizuspringen: Der Satan meint es gut mit ihm. Er könnte
sich selbst und der Welt das Kreuz ersparen. Es bedürfe nur des Menschen
guten Willens; es bedürfe nur des freien Willens; es bedürfe
nur des vernünftigen Einsatzes aller im Menschen angelegten spirituellen
Kräfte, um eine bessere Welt heraufzuführen. Die Geschichte
der Welt ist von Anfang an bis zum heutigen Tage in diese Visionen gebannt.
Das beginnt mit dem Turmbau zu Babel (auf daß wir uns einen Namen
machen) bis hin zu den Träumen einer klassenlosen Gesellschaft.
Das begegnet uns auch in den Weltherrschaftsplänen eines Mohammed,
der seine Anhänger beauftragt, die Ökumene dem Gesetz des Islam
zu unterwerfen. Dieselbe Vision begegnet uns auch in den päpstlichen
Friedensgebeten zusammen mit Vertretern aller Weltreligionen in Assisi
und anderswo.
Alle diese Versuche übersehen trotz päpstlicher
Autorität -, dass die Versöhnung der Welt nur durch das Kreuz
Christi hindurch zu gewinnen ist. Der Weg zum Frieden kann nie ökumenisch
gewonnen werden. Der Weg führt nur durch die enge Pforte (Mtth.
7, 14); d. h. durch Sündenerkenntnis und durch das im Glauben
allein empfangene Geschenk der Vergebung und Versöhnung.
Darin allein besteht der Auftrag der wahren katholischen
oder allgemeinen christlichen Kirche. Ihr ist nicht aufgetragen, Weltkongresse
für Frieden und Völkerverständigung zu organisieren. Das
alles sind zwar gut gemeinte Verständigungsversuche, die aber immer
wieder scheiterten und auch künftig scheitern müssen. Alle diese
Versuche sind nämlich an den schwachen und verkehrten Willen des Menschen
gebunden, der das Heil nicht allein Gott anvertraut, sondern dabei auch
sein freies Mitwirken geltend macht. Das Heil, die Rettung wird damit dem
Gesetz überantwortet. Dieses Mitwirken aber stürzt die Menschheit
immer wieder in den Hochmut der Selbstgerechtigkeit.
Seit Adams Fall versucht der Mensch er selbst zu sein.
Selbstfindung nennt man dies heute und preist es als höchstes Gut,
das allein des freien Menschen würdig sei. Verstellt dagegen ist die
den Menschen in seiner Selbstgerechtigkeit entlarvende Erkenntnis, dass
das Gesetz nur Zorn anrichtet (Rö. 4, 15). Gottes Zorn offenbart sich
als Feindschaft und Hass der Völker und Religionen untereinander,
weil sie sich gegenseitig beweisen müssen, dass ihre Gerechtigkeit
die bessere ist. Eindrucksvoll macht das die Bibel am Brudermord Kains
an Abel deutlich, der in seiner Selbstbefangenheit seinen Bruder beneidet,
dessen Opfer Gott annimmt (1. Mose 4, 5); denn durch Glauben hat Abel
Gott ein größeres Opfer getan denn Kain (Hebr. 11, 4).
So ist auch das Verhältnis der Religionen und der
christlichen Konfessionen zueinander vor allem bestimmt durch die Gerechtigkeit
aus Glauben an den Christus Gottes, den der Vater als ewiges Opfer für
unsere Sünden dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt
hat. Dieser sich selbst opfernde Gott in Christus ist unsere Gerechtigkeit.
Andere Gerechtigkeiten gibt es vor Gott nicht, weder unser guter Wille
noch unsere Frömmigkeit, weder das andächtig vollzogene Messopfer,
weder unsere Selbstfindung noch jedwede religiöse Spiritualität.
Das alles entspricht zwar einer Katholizität, die seit Adams Fall
die Menschheitsgeschichte durchzieht, die aber dem Zorn und Gericht Gottes
nicht entrinnen kann. Der Glaube rechtfertigt nicht deshalb, weil er so
religiös, weil er so fromm oder spirituell ist. Der Glaube rechtfertigt
den Sünder nur deshalb, weil er Christi Kreuzesopfer vertrauensvoll
als für uns geschehen annimmt! Mit diesem alle fromme Menschengerechtigkeit
ausschließenden Für uns steht und fällt der wahre katholische
Glaube.
Dieser Sachverhalt zwingt dazu, alle ökumenischen
Bestrebungen neu zu bestimmen. Die römische Kirche hat auf dem Konzil
von Trient (1545-1563) ausdrücklich die Gerechtigkeit aus Glauben
um Christi willen und die damit verbundene Heilsgewissheit verworfen. Sie
hat damit das Evangelium selbst verworfen! An diesem ablehnenden Urteil
hat sie bis heute nichts geändert, sondern im 2. Vatikanischen Konzil
wurde es nur etwas modifiziert. Der jüngste römische Katechismus
umschreibt das Evangelium vor allem als neues Gesetz. Der Mensch bleibt
wieder bei sich selbst; wird auf sich selbst zurückgeworfen.
Aber auch der Protestantismus hat das große, befreiende
Geschenk der rechten Katholizität immer wieder verspielt. Es begann
damit, dass man schwärmerischen Ideen Raum gewährte. Man beachtete
nicht: Der Enthusiasmus stecket in Adam und seinen Kindern von Anfang
an bis zum Ende der Welt. (BKS 455). Der Enthusiasmus ist die Versuchung
des menschlichen Herzens, das über sich selbst hinaufsteigt und neue
bessere Welten entwerfen will. Der Vernunft würde wieder wie
einst in der mittelalterlichen Scholastik ein Mitspracherecht eingeräumt,
die Schrift historisch-kritisch aufgelöst oder die Unterscheidung
von Gesetz und Evangelium würde umgedreht in Gottes Zuspruch und Anspruch
(Barmen I). Auch damit wird wieder aus dem Evangelium ein neues Gesetz,
dem wir im politischen Engagement, im Kampf gegen Rassismus und Aufrüstung
und im Schwärmen für eine repressionsfreie Welt zu entsprechen
hätten. Das ganze politisierende Elend des gegenwärtigen Protestantismus
hat hier Grund und Ursprung. Dieses ganze Engagement der Kirche führt
nicht in Freiheit, sondern verdammt zur Hilf- und Bedeutungslosigkeit.
Nur der Weg der Umkehr gibt dem Wort der Kirche wieder
Vollmacht: Das richtende Wort des göttlichen Du sollst nicht und
das freisprechende Dir sind deine Sünden vergeben!. In dieser von
Gott selbst gegebenen Spannung von Gesetz und Evangelium werden Gottes
Wort und Wahrheit vollmächtig verkündet, gewinnt die Kirche ihre
Welt und Menschheit umspannende Katholizität zurück. Der Weg
der Umkehr ist der Weg zurück zum Kreuz Christi. Dieser Kreuzweg führt
die Gemeinde Christi freilich auch in Anfeindungen und Verfolgungen; denn
der Jünger ist nicht über seinem Meister (Mtth. 10, 24 f.;
Luk. 6, 40).
Die Welt ist dem Kreuz Christi und dem Wort vom Kreuz
feindlich gesinnt. Gleichwohl bleibt die Verheißung Christi bestehen:
Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig! (Mtth. 24, 13; Mk. 13,
13 b).
Dies umgreift die ganze Gemeinde der an Christus Glaubenden.
Das ist wahrhaft ökumenisch oder katholisch. In dem Sinne bekennen
wir die eine heilige, allgemein-christliche und apostolische Gemeinde
Jesu Christi!
Erstveröffentlichung in CA I/2003