Volk: Wahre und falsche Katholizität 2003


Der langjährige frühere Vorsitzende
und jetzige Ehrenvorsitzende unseres Konvents, Sup.em. Ernst Volk hat einen
Aufsatz über wahre und falsche Katholizität geschrieben. In gekürzter
Fassung ist dieser Aufsatz in der Zeitschrift CA I/2003 erschienen. Wir
geben den vollständigen Text wieder.


    Wahre und falsche Katholizität

    von Ernst Volk

    I

    Seit mehr als einem Jahrzehnt kann man beobachten, dass
    das Reformationsfest am 31. Oktober – dem Thesenanschlag Luthers –
    mit sog. „ökumenischen Gottesdiensten“ begangen wird. In der Regel
    wird ein römisch-katholischer Priester als Prediger berufen, um die
    ökumenische Verbundenheit zu unterstreichen. Im Jahre 2002 wurde mancherorts
    der 31. Oktober sogar mit einem Festgottesdienst zum 30. Jahrestag der
    Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils gefeiert. Erstaunt reibt
    man sich die Augen und fragt sich, ob denn viele evangelische Pfarrer,
    ob denn etwa die evangelische Kirche selbst zur Reformation nichts Eigenständiges
    mehr zu sagen hat. Übernimmt man mit derartigen Feiern nicht ungewollt
    und unbewusst die stillschweigend vorausgesetzte These, dass Luther mit
    seiner Reformation die Einheit der Kirche zerstört habe und die evangelische
    Kirche gut daran täte, den Skandal der Kirchentrennung zu überwinden?
    Dabei muss man sich dessen bewusst sein, dass eine erdrückende Mehrheit
    der Bevölkerung diese ökumenischen Gottesdienste und Annäherungen
    begrüßt. Auf diese Weise würden doch – so argumentiert
    man – die alten, oft hasserfüllten Streitigkeiten in Ehen und Familien,
    in Dörfern und Städten, ja in Europa und draußen in der
    weiten Welt endlich begraben und vergessen. Dieser „ökumenische“ Friedensschluss
    – so folgert man weiter – sei zugleich auch ein Schritt hin zur Demokratisierung,
    hin zum Weltfrieden, der in einer „Ökumene der Weltreligionen“ und
    in einem interreligiösen „Weltfrieden-Ethos“ einmünden müsse.
    Alle Weltprobleme ließen sich so in einem umfassenden Dialog lösen.
    Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach dem „ewigen Frieden“. In diesem
    Sinne wäre also die „ökumenische Bewegung“ im weitesten Sinne
    „katholisch“, gemäß dem ursprünglichen Sinn „kat’ holän
    (gän)“, die „ganze Erde“, den ganzen Weltkreis (= Ökumene) umfassend;
    entsprechend heißt „katholikos“ so viel wie „allgemein“ oder „alles
    umfassend“. Damit schienen jene o. g. „ökumenischen Gottesdienste“
    „ein Schritt in die richtige Richtung“ zu sein (wie heute Politiker das
    gerne auszudrücken belieben).

    Trifft dies zu, dann kann man in der Tat den traditionellen
    Sinn des Reformationsfestes preisgeben, jene „unglückliche“ Reformation
    zu überwinden zu versuchen, damit die Welt endlich aus ihrer tödlichen
    Zerrissenheit herausfinde.

    II

    Andererseits jedoch verraten jene „ökumenisch“ gesinnten
    Gottesdienste nur, dass man auf evangelischer Seite weithin vergessen zu
    haben scheint, dass sich die evangelische Kirche mit den beiden altkirchlichen
    Glaubensbekenntnissen, dem apostolischen und dem nicaenischen Bekenntnis,
    zur „einen, heiligen, katholischen (= allgemeinen) und aposto­lischen
    Kirche bekennt“.

    Das „Katholische“ wurde einst noch nicht im engeren konfessionellen
    Sinn missverstanden. Diese konfessionelle Verengung setzte sich erst später
    durch. Die großen Lehrer der evangelischen Kirche im 16. und 17.
    Jahrhundert nahmen für die reformatorische Bewegung wie selbstverständlich
    in Anspruch, wahrhaft „katholisch“ zu sein, dass evangelische Verkündigung
    „allumfassend“ ist, da das Evangelium alle Menschen des ganzen Erdkreises
    zum Glauben ruft. Mit Recht hat deshalb Martin Luther das Fremdwort „katholisch“
    sinn­gemäß mit der „einigen, heiligen, christlichen, apostolischen
    Kirche“ wiedergegeben, die ganze Christenheit umfassend.

    Im Jahrhundert der Reformation wurde also nicht um die
    Katholizität der Kirche gestritten. Katholisch wollten beide sein:
    die Päpstlichen und die Lutherischen! Der Streit entbrannte vielmehr
    an der Frage, was rechte Katholizität sei.

    Das ist freilich alles andere als eine müßige
    Frage, wie der heutige weithin säkularisierte Zeitgenosse wähnt,
    dem die Wirklichkeit der Gnade verloren gegangen ist, weil ihm ein vertieftes
    Sündenbewusstsein fehlt. Weithin huldigt man seit Jean Jacques Rousseau
    der Illusion – trotz der Guillotine, trotz Lenin, Stalin und Hitler und
    den furchtbaren Greueln dieser Revolutionäre -, dass der Mensch auf
    dem Grunde seines Wesens gut sei. Dieser Optimismus verstellt den Zeitgenossen
    den Blick in die Abgründigkeit des Menschen­herzens. Wie sollte
    er noch verstehen, dass er dem Gericht Gottes verfallen ist, dass er der
    Vergebung Gottes allein bedarf. Allein auf Gnade will keiner zurückgeworfen
    sein.

    Genau dies aber sind die zentralen Fragen, um die im
    Reformationsjahrhundert gestritten wurde. Dieselben Probleme stehen auch
    heute verschärft zur Debatte, wenn es auch der Zeitgenosse nicht wahrhaben
    will. An ihnen entscheidet sich nicht nur das Schicksal einer evangelischen
    Kirche, sondern auch das Geschick eines einstmals – trotz aller konfes­sionellen
    Spannungen – christlichen Europa. Die angeblichen Streitfragen sind – allen
    ökumenischen Aufbrüchen zum Trotz – keineswegs gelöst; sie
    sind so zukunftsträchtig wie eh und je.

    III

    Während im Neuen Testament die Kirche in der Regel
    als „Gemeinde“ (ecclesia) Gottes oder als „Berufene Jesu Christi“ oder
    auch als „Leib Christi“ bezeichnet wird, taucht der Ausdruck „katholische
    Kirche“ erst um 110 nach Christus in den so genannten Ignatius-Briefen
    auf. Der zur Hinrichtung nach Rom gebrachte Märtyrer-Bischof Ignatius
    von Antiochien ermahnt in einem seiner Abschiedsbriefe die Christengemeinde
    von Smyrna, ihrem Bischoff zu folgen wie Jesus Christus, denn „wo Christus
    Jesus ist, dort ist auch die katholische Kirche“ (Ignatius: ad Smyrn. 8, 2).
    Der entscheidende Angelpunkt ist also Christus selbst! Dem Bischof soll
    man folgen, weil dieser als berufener Leiter der Gemeinde Christus selbst
    reprä­sentiert. Nicht die Kirche also garantiert die Gegenwart
    Christi in Welt und Geschichte. Vielmehr bewirkt der in dieser Weltzeit
    durch sein Wort und Sakrament anwesende Christus auch die Sammlung der
    Gemeinde Jesu Christi. Um sein verkündigtes Wort kristallisiert sich
    auch die „katholische“ Kirche. Damit ist bereits die entscheidende Weichenstellung
    erfolgt. Nicht die Kirche ist Herrin des Wortes, über das sie selbst
    verfügen könnte, sondern die Kirche ist das Geschöpf des
    Christuswortes. Diese Reihenfolge ist unumkehrbar! Das Christuswort ist
    und bleibt das Primäre. Die rechte „katholische“ Kirche kann nur Antwort
    und Echo des Wortes sein, demütige und gehorsame Dienerin der Christusbotschaft.
    Deshalb ist es ihr – ebenso wie dem alttestamentlichen Gottesvolk – verwehrt,
    die vorgegebene Botschaft zu verändern, „daß ihr nicht davon
    weichet, weder zur Rechten noch zur Linken“ (Jos. 23, 6).

    Die rechte allgemeine christliche Kirche (= katholische)
    steht und fällt also mit dem Wort von Kreuz und Auferstehung Christi,
    jener fundamentalen Botschaft, die uns in den Schriften der Propheten und
    Apostel überliefert und dargeboten wird. Deshalb kann der ursprüngliche
    und unverfälschte Inhalt des Evangeliums nur in der Heiligen Schrift
    gefunden und aus der Schrift erhoben werden. Das eigentliche Zentrum der
    Schrift, um das sich alle alt- und neutestamentlichen Traditionen gruppieren,
    ist jenes zentrale Ereignis, dass Christus, der Sohn Gottes „um unserer
    Sünde willen dahingegeben ist und um unserer Gerechtigkeit willen
    auferweckt wurde“ (Rö. 4, 25).

    IV

    An drei Beispielen der Schrift soll dieser Sachverhalt
    erhoben werden.

    1. Der Evangelist Lukas berichtet, dass Christus zwischen
      zwei Übeltätern hängend hinge­richtet wurde. Der Unschuldige
      wird den Schuldbeladenen zugerechnet und wird mit ihnen im Tode abgetan.
      Die Strafe der beiden Verbrecher muss auch der Christus Gottes erleiden.
      Es erfüllt sich die Prophetie: „Aber der Herr warf unser aller Sünde
      auf ihn.“ (Jes. 53, 6).

      Zwischen den drei Gekreuzigten entspinnt sich ein erschütterndes
      Gespräch. Während der eine der Übeltäter in seiner
      Verzweiflung den Gekreuzigten in der Mitte verhöhnt: „Bist du der
      Christus, so hilf dir selbst und uns.“ Er erwartet nichts von seinem Mitgekreuzigten
      und spottet seines Christusnamens. Doch der zweite Mitgekreuzigte „strafte
      ihn“, er wies ihn zurecht: „Und du fürchtest dich nicht vor Gott,
      der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind zwar billig darin, denn
      wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes
      getan.“

      Der Gang in den Tod ist für jeden Menschen ein Hingang
      zu Gott und seinem Gericht und unausweichlich. Diese Gewissheit
      kann ich verzweifelt verdrängen und stürze gerade so in das letzte
      Verhängnis! – Oder ich erkenne die Rechtmäßigkeit meines
      Todesgeschickes an, weil unser ganzes Dasein Gott verfehlt hat und meine
      Schuld mich anklagt! Der andere Verurteilte wendet sich deshalb in seiner
      Verzweiflung und mit verfehltem Leben an den Mann in der Mitte: „Herr,
      gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Denn „Zuflucht ist bei
      dem alten Gott und unter den ewigen Armen“ (5. Mose 33, 27). Hilfe suchend
      greift der zweite Verurteilte wie ein Ertrinkender nach seinem Retter.
      Von dem gekreuzigten Gott erfährt er die von Tod und Gericht befreiende
      Zusage: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“
      (Luk 23, 39-43). Dieses Wort allein reißt den Schuldigen aus seinem
      Verhängnis heraus. Ausschließlich diese Zusage öffnet den
      durch Sünde und Schuld verrammelten Weg ins ewige Leben. Genau diesen
      Vorgang nennt später der Heidenapostel Paulus „die Gerechtigkeit Gottes,
      die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus“ (Rö. 3, 23).

      Es ist nicht die Reue, die den Verurteilten vor Gott
      gerecht macht; denn auch der andere Verbrecher hat bitter bereut. Aber
      es ist eine „Galgenreue“, die ihn an sich und seine Schuld für immer
      fesselt. Der zweite dieser sog. „Schächer“ dagegen umfasst mit seinem
      Schrei „Gedenke an mich“ niemand anderen als den Gott, der neben ihm, mit
      ihm und für ihn leidet.

      „Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden
      hätten“, so heißt es in der prophetischen Ankündigung des
      Geschehens auf dem Hügel Golgatha draußen vor den Mauern Jerusalems
      (Jes. 53, 5).

      Es sind auch nicht irgendwelche Glaubensverdienste, die
      diesem Schächer angerechnet werden könnten. Solche guten, von
      der Liebe geformten Werke konnte dieser Mensch nicht mehr vollbringen.
      Er bleibt allein auf das erbarmende Wort Christi zurückgeworfen! Nichts
      anderes rechtfertigt ihn in diesem letzten und ewigen Gericht. Er klammert
      sich allein an den mitgekreuzigten Christus; an nichts sonst! Der, der
      allein rettet ihn und reißt ihn kraft seiner göttlichen Gerechtigkeit
      heraus aus Gericht und Verdammnis. Das wird uns in der Christus­botschaft
      verkündigt und zugesagt. Wir können diese Zusage nur hören
      und ihr vertrauen. Im Vertrauen auf diese Zusage wird Christus mir mein
      Retter und mein Erlöser; wird ER meine Gerechtigkeit, die allein vor
      Gott gilt.

    2. Christus selbst verdeutlicht diesen entscheidenden
      Sachverhalt im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer (Luk. 18,
      9-14). Beide Männer beten im Tempel. Beide stehen also vor Gott. Der
      Pharisäer beruft sich vor Gott auf seine guten und frommen Taten.
      Er achtet im Unter­schied zu „den anderen Leuten“ auf die Erfüllung
      der Gebote; er fastet und gibt den Zehnten. Er heuchelt nicht. Vielmehr
      kann er auf ein „frommes Leben“ verweisen; er müht sich redlich um
      ein „anständiges Leben“. Sein Leben gründet sich auf seine von
      ihm erkämpfte Recht­schaffenheit, die er Gott vorweist. Der Zöllner
      dagegen kann weder auf ein bürgerlich anständiges Leben verweisen,
      auch nicht auf seine fromme Gesinnung. Er wollte „seine Augen nicht aufheben
      gen Himmel“. Da ist nichts, dessen er sich rühmen könnte. So
      kann er nur noch seufzen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Er kann
      sich mit seinem verfehlten Leben nur dem Erbarmen Gottes anvertrauen! Ausdrücklich
      sagt Jesus: „Dieser (Sünder) ging hinab gerechtfertigt in sein Haus
      …“ Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, wird nicht in uns selbst, nicht
      in unseren Taten, schon gar nicht in unserer „Selbstfindung“ gefunden.
      Sie wird uns als Gottes Erbarmen, als Gnade geschenkt, ein Geschenk, das
      ich nur vertrauend an- und hinnehmen kann. Auch hier sind alle Verdienste
      – auch alle frommen Verdienste – ausgeschlossen.
    3. Dasselbe widerfährt auch einem Simon Petrus auf
      seinem Fischzug (Luk. 5, 1-11). Die Nähe Christi, die Nähe des
      Mensch gewordenen Gottes lässt ihn seine ganze verzweifelte Verlorenheit
      innewerden: „Herr, gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch!
      Denn es war ihn ein Schrecken angekommen …“

      Da gibt es nichts mehr, auf das er sich berufen könnte.
      Selbst die Zugehörigkeit zu Gottes Volk wird wesenlos. Da ist nur
      noch das Sündersein, jene höllische Verlorenheit. Doch dann erreicht
      ihn das rettende Wort Christi: „Fürchte dich nicht!“ In diesem Wort
      des Herrn erlischt die Hölle, schließt sich der Abgrund. Er
      ist – trotz aller Sünde – angenommen! Das „Fürchtet euch nicht“
      auf Bethlehems Fluren erreicht hier einen Menschen und seine Ausweglosigkeit
      und richtet ihn auf.

      Das ist das neue Fundament, auf dem Petrus, auf dem wir
      uns allein gründen können und dürfen.

      Unmittelbar danach stellt Christus uns alle und den Petrus
      in seinen Dienst: „Denn von nun an wirst du Menschen fangen!“

      Das Wort, das uns aus Schuld, Tod und Gericht herausreißt,
      bleibt nicht allein. Die Jünger und wir alle mit ihnen werden „Seine
      Zeugen sein zu Jerusalem … bis an das Ende der Erde“ (Apg. 1, 8).

      Das Wort Christi „fängt Menschen“ ein. Das Wort
      sammelt sich seine Gemeinde; seine Ecclesia, d. h. die Gemeinde der Glaubenden,
      die dem Wort vertrauen und die durch das Christuswort aus Sünde, Schuld,
      Angst und Tod „herausgerufen“ werden (so die sinn­gemäße
      Bedeutung des griechischen „Ecclesia“).

    V

    Diese drei genannten Beispiele aus der Heiligen Schrift
    machen deutlich, dass das Wort Gottes in sich gleichsam zweipolig ist.

    Das Wort bewirkt einerseits ein heilsames Erschrecken:
    „Ich bin ein sündiger Mensch“; „sündig“, weil das strenge göttliche
    „Du sollst nicht!“ mich anklagt und zum Tode verdammt. Andererseits begegnet
    mir Gottes Wort als die Christus-Zusage, die den Verurteilten zum Leben
    begnadigt: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ (Matth. 9, 2 u. par.).

    Gottes Wort begegnet uns also zweipolig: als Gesetz und
    als Evangelium! Beide „Worte“ sind aufeinander bezogen und müssen
    demnach sorgfältig unterschieden werden. Es geht um Gottes richtendes
    und Gottes freisprechendes Wort. Allein in dieser „Zweipoligkeit“ ist die
    biblische Botschaft wahrhaft „katholisch“, d. h. universal, weil es die
    ganze Menschheit zu Gott zurückruft. Sie richtet und ruft die Glaubenden
    aus dem Tod ins Leben. So will Gott, dass allen Menschen auf der ganzen
    Welt (kat’ holän gän) geholfen wird.

    Die Kirche ist deshalb nur dann „katholisch“, insofern
    sie das Wort als Gesetz und als Evangelium – untrennbar und doch unterschieden
    – der verlorenen Menschheit ausrichtet.

    Grundlage dieser „Katholizität“ kann nur die Heilige
    Schrift sein, nicht auch noch andere menschliche, vernünftige oder
    sog. „spirituelle Ergänzungen, Auslegungen, Beimengungen oder Auslassungen.
    Die Schrift legt sich selber aus! Gerade in der Doppelpoligkeit von Gesetz
    und Evangelium wird ihre innere Einheit und Eindeutigkeit durch alle Überlieferungs­schichten
    der Schrift hindurch erkannt.

    Es war also die entscheidende Erkenntnis Martin Luthers,
    dass er die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium in der Schrift wieder
    entdeckte und sie dadurch von allen philosophischen Überlagerungen
    befreite. Damit hat er gerade die weithin verschüttete Katholizität
    der Kirche wieder hergestellt. Die der Reformation verbundenen Kirchen
    bedürfen es deshalb gerade nicht, bei der römischen Kirche Anleihen
    einer vermeintlichen Katholizität zu machen. Alle diese Versuche einer
    sog. „Ökumenizität“ (wie man heute gerne das „Katholischsein“
    der Kirche umschreibt) könnte gerade die rechte, die allgemeine Univer­salität
    der Kirche Jesu Christi wieder in fremden Traditionen, in einer falschen
    Spiritualität und in einer neuen Gesetzlichkeit versinken lassen.

    VI

    Der in den letzten Jahrzehnten gebräuchlich gewordene
    Begriff „ökumenisch“ ist ein viel­deutiges und schillerndes Wort;
    zumal man damit eine sog. „versöhnte Verschiedenheit“ meint, so als
    ob man nur die verschiedenen, in der Geschichte gewordenen Traditionen
    miteinander zu vergleichen und einander anzunähern brauche, um dann
    in irgendeiner Zukunft die Einheit der Kirchen, ja sogar aller Weltreligionen
    zu erreichen. Man redet deshalb gerne von einer „Komplementarität“,
    die das einander Unvereinbare in einer „coincidentia oppositorum“, in einem
    „Zusammenfall aller Gegensätze“ zusammenführt.

    Eine faszinierende Vision! Dennoch könnte sich in
    dieser visionären Utopie die satanische, die antichristliche Versuchung
    verbergen. In einer großen Schau zeigt nämlich der Versucher
    dem Sohn Gottes „alle Reiche der Ökumene“ (Luk. 4, 5; Matth. 4, 8).
    Die satanische Verlockung verspricht: „Das alles will ich dir geben“, „wenn
    du mich anbetest.“ (vgl. bei Luk. und Mtth. ebenso).

    Eine friedlich „vereinte“ Ökumene widerspricht nicht
    nur dem reformatorischen Bekenntnis, sie trägt vor allem das Signum
    der Lüge an der Stirn. Das Satanische an den Visionen einer geeinten
    Welt besteht darin, dass Christus – und mit ihm seine Gemeinde – dazu verleitet
    wird, den Kreuzweg zu verlassen und den „breiten Weg“ (Mtth. 7, 13) in
    einen „Gottesfrieden ohne Gott“ zu suchen.

    Christus dagegen widerstrebt der Versuchung einer sog.
    „versöhnten“ Welt, indem er den Kreuzweg wählt. Alle gegenwärtigen
    „ökumenischen“ Versuche verraten sich als das gefährliche Spiel,
    dem Herrn Jesus Christus beim Bau einer neuen, friedlich-versöhnten
    Welt „beizuspringen“: Der Satan meint es „gut“ mit ihm. Er könnte
    sich selbst und der Welt das Kreuz ersparen. Es bedürfe nur des „Menschen
    guten Willens“; es bedürfe nur „des freien Willens“; es bedürfe
    nur des „vernünftigen“ Einsatzes aller im Menschen angelegten „spirituellen
    Kräfte“, um eine „bessere Welt“ heraufzuführen. Die Geschichte
    der Welt ist von Anfang an bis zum heutigen Tage in diese Visionen gebannt.
    Das beginnt mit dem Turmbau zu Babel („auf daß wir uns einen Namen
    machen“) bis hin zu den Träumen einer klassen­losen Gesellschaft.
    Das begegnet uns auch in den Weltherrschaftsplänen eines Mohammed,
    der seine Anhänger beauftragt, die Ökumene dem Gesetz des Islam
    zu unterwerfen. Dieselbe Vision begegnet uns auch in den päpstlichen
    Friedensgebeten zusammen mit Vertretern aller Weltreligionen in Assisi
    und anderswo.

    Alle diese Versuche übersehen – trotz päpstlicher
    Autorität -, dass die Versöhnung der Welt nur durch das Kreuz
    Christi hindurch zu gewinnen ist. Der Weg zum Frieden kann nie „ökumenisch“
    gewonnen werden. Der Weg führt nur durch die „enge Pforte“ (Mtth.
    7, 14); d. h. durch Sündenerkenntnis und durch das im Glauben
    allein empfangene Geschenk der Vergebung und Versöhnung.

    Darin allein besteht der Auftrag der wahren katholischen
    oder allgemeinen christlichen Kirche. Ihr ist nicht aufgetragen, Weltkongresse
    für Frieden und Völkerverständigung zu organisieren. Das
    alles sind zwar „gut gemeinte“ Verständigungsversuche, die aber immer
    wieder scheiterten und auch künftig scheitern müssen. Alle diese
    Versuche sind nämlich an den schwachen und verkehrten Willen des Menschen
    gebunden, der das Heil nicht allein Gott anvertraut, sondern dabei auch
    sein freies Mitwirken geltend macht. Das Heil, die Rettung wird damit dem
    Gesetz überantwortet. Dieses Mitwirken aber stürzt die Menschheit
    immer wieder in den Hochmut der Selbstgerechtigkeit.

    Seit Adams Fall versucht der Mensch „er selbst“ zu sein.
    „Selbstfindung“ nennt man dies heute und preist es als höchstes Gut,
    das allein des freien Menschen würdig sei. Verstellt dagegen ist die
    den Menschen in seiner Selbstgerechtigkeit entlarvende Erkenntnis, dass
    das Gesetz nur Zorn anrichtet (Rö. 4, 15). Gottes Zorn offenbart sich
    als Feindschaft und Hass der Völker und Religionen untereinander,
    weil sie sich gegenseitig „beweisen“ müssen, dass ihre Gerechtigkeit
    die bessere ist. Eindrucksvoll macht das die Bibel am Brudermord Kains
    an Abel deutlich, der in seiner Selbstbefangenheit seinen Bruder beneidet,
    dessen Opfer Gott annimmt (1. Mose 4, 5); denn „durch Glauben hat Abel
    Gott ein größeres Opfer getan denn Kain“ (Hebr. 11, 4).

    So ist auch das Verhältnis der Religionen und der
    christlichen Konfessionen zueinander vor allem bestimmt durch die Gerechtigkeit
    aus Glauben an den Christus Gottes, den der Vater als ewiges Opfer für
    unsere Sünden dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auf­erweckt
    hat. Dieser sich selbst opfernde Gott in Christus ist unsere Gerechtigkeit.
    Andere Gerechtigkeiten gibt es vor Gott nicht, weder unser guter Wille
    noch unsere Frömmigkeit, weder das andächtig vollzogene Messopfer,
    weder unsere Selbstfindung noch jedwede religiöse Spiritualität.
    Das alles entspricht zwar einer „Katholizität“, die seit Adams Fall
    die Menschheitsgeschichte durchzieht, die aber dem Zorn und Gericht Gottes
    nicht entrinnen kann. Der Glaube rechtfertigt nicht deshalb, weil er so
    religiös, weil er so fromm oder spirituell ist. Der Glaube rechtfertigt
    den Sünder nur deshalb, weil er Christi Kreuzesopfer vertrauensvoll
    als „für uns“ geschehen annimmt! Mit diesem alle fromme Menschengerech­tigkeit
    ausschließenden „Für uns“ steht und fällt der wahre katholische
    Glaube.

    Dieser Sachverhalt zwingt dazu, alle ökumenischen
    Bestrebungen neu zu bestimmen. Die römische Kirche hat auf dem Konzil
    von Trient (1545-1563) ausdrücklich die Gerechtigkeit aus Glauben
    um Christi willen und die damit verbundene Heilsgewissheit verworfen. Sie
    hat damit das Evangelium selbst verworfen! An diesem ablehnenden Urteil
    hat sie bis heute nichts geändert, sondern im 2. Vatikanischen Konzil
    wurde es nur etwas modifiziert. Der jüngste römische Katechismus
    umschreibt das Evangelium vor allem als „neues Gesetz“. Der Mensch bleibt
    wieder bei sich selbst; wird auf sich selbst zurückgeworfen.

    Aber auch der Protestantismus hat das große, befreiende
    Geschenk der rechten Katholizität immer wieder verspielt. Es begann
    damit, dass man schwärmerischen Ideen Raum gewährte. Man beachtete
    nicht: „Der Enthusiasmus stecket in Adam und seinen Kindern von Anfang
    an bis zum Ende der Welt.“ (BKS 455). Der Enthusiasmus ist die Versuchung
    des menschlichen Herzens, das über sich selbst hinaufsteigt und neue
    bessere Welten entwerfen will. Der Vernunft würde wieder – wie
    einst in der mittelalterlichen Scholastik – ein Mitspracherecht eingeräumt,
    die Schrift „historisch-kritisch“ aufgelöst oder die Unter­scheidung
    von Gesetz und Evangelium würde umgedreht in Gottes Zuspruch und Anspruch
    (Barmen I). Auch damit wird wieder aus dem Evangelium ein neues Gesetz,
    dem wir im politischen Engagement, im Kampf gegen Rassismus und Aufrüstung
    und im Schwärmen für eine repressionsfreie Welt zu entsprechen
    hätten. Das ganze politisierende Elend des gegenwärtigen Protestantismus
    hat hier Grund und Ursprung. Dieses ganze Engagement der Kirche führt
    nicht in Freiheit, sondern verdammt zur Hilf- und Bedeutungslosigkeit.

    Nur der Weg der Umkehr gibt dem Wort der Kirche wieder
    Vollmacht: Das richtende Wort des göttlichen „Du sollst nicht“ und
    das freisprechende „Dir sind deine Sünden vergeben!“. In dieser von
    Gott selbst gegebenen Spannung von Gesetz und Evangelium werden Gottes
    Wort und Wahrheit vollmächtig verkündet, gewinnt die Kirche ihre
    Welt und Menschheit umspannende Katholizität zurück. Der Weg
    der Umkehr ist der Weg zurück zum Kreuz Christi. Dieser Kreuzweg führt
    die Gemeinde Christi freilich auch in Anfeindungen und Verfolgungen; denn
    „der Jünger ist nicht über seinem Meister“ (Mtth. 10, 24 f.;
    Luk. 6, 40).

    Die Welt ist dem Kreuz Christi und dem Wort vom Kreuz
    feindlich gesinnt. Gleichwohl bleibt die Verheißung Christi bestehen:
    „Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig!“ (Mtth. 24, 13; Mk. 13,
    13 b).

    Dies umgreift die ganze Gemeinde der an Christus Glaubenden.
    Das ist wahrhaft ökumenisch oder katholisch. In dem Sinne bekennen
    wir „die eine heilige, allgemein-christliche und apostolische Gemeinde
    Jesu Christi“!

    Erstveröffentlichung in CA I/2003