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Bericht über den Herbstkonvent des Lutherischen Konventes im Rheinland

am 1. November 2021 in Wuppertal

Nach einem festlichen lutherischen Gottesdienst (Predigt: Vors. Pfarrer Winfrid Krause; Liturgie: Pfarrer Andreas Bollengraben und Prädikant Michael Sonntag) begann Prof. Dr. Thomas Martin Schneider, Koblenz, seinen Vortrag mit dem Thema „Ich kann nicht anders, hie steh ich, Gott helfe mir, Amen“- die aktuelle Bedeutung von Luthers Auftritt in Worms.

Er gliederte seinen Vortrag in vier Unterpunkte:
1. …wie wird und wie wurde er wahrgenommen?
2. …was hat er gesagt?
3. …was hat er gemeint?
4. …was könnten wir von ihm lernen?

1. In der heutigen Zeit wird Luther als jemand mit einer „Haltung“ („Here I stand“) und als Vorreiter für die „Freiheit“ als Menschenrecht gesehen. Selbstbewußt und mutig ist er gegen die Staatsmacht aufgetreten. In früheren Jahrhunderten wurde Luther als Aufklärer, Rebell, Prophet und als der „Deutsche“ dem Publikum näher gebracht. In der EKD-Kampagne zu den Festlichkeiten in diesem Jahr im April wurde das Phänomen Luther unter den Schlagworten „Gewissen“, „Befreiung“ und „Haltung“ subsumiert. Aber ist das so statthaft und was hat er tatsächlich damals auf dem Reichstag gesagt?

2. Viele moderne Forscher halten die Worte „Hier stehe ich…“ für eine Legende. Die Worte seien so auf dem Reichstag nicht gefallen. Allerdings hat Luther einen autographischen Bericht vom Reichstag schon 1521 drucken lassen. In einem der vier erhaltenen Drucke stehen die berühmten Worte: im Wittenberger, vielleicht von Luther selbst redigierten Druck heißt es: „Ich kann nicht anders, hier stehe ich; Gott helfe mir. Amen.“ Nach dem Göttinger Lutherforscher Thomas Kaufmann könnte das deshalb auch im Nachhinein als authentisches Wort Luthers gelten. In den lateinischen Reichtagsakten wird keine klare Berichtslage deutlich. Lediglich Spalatin meint, daß Luther so etwas wie „Da bin ich“ gesagt hätte. Allerdings war es im Saal laut und Luther war nur sehr undeutlich zu vernehmen. Nach der Bonner Kirchengeschichtlerin Ute Mennecke können die Worte so, wie von Luther berichtet, gefallen sein; es spräche nichts Zwingendes dagegen. Jedenfalls bleibt der Mythos des Helden seit Worms an Luther haften.

In einem Brief an Melanchthon schildert Luther, wie ihn der Auftritt in Worms auch körperlich zusetzte. Er litt viele Tage an Verstopfung und Krämpfen. Einerseits ist er erleichtert, daß er den Auftritt vor Kaiser und Reich unbeschadet bestanden hat, anderseits ist erst enttäuscht darüber, daß er nicht noch mehr über seinen Glauben und das Evangelium hat reden können.

3. Nach Professor Schneider hat Luther in Worms weniger für die Gewissensfreit gekämpft als unter Gewissenszwang gehandelt. „Mein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen.“ (vgl. 1.Kor 9,16) In der Römerbriefvorlesung schildert Luther, daß der Christ „im Glauben steht“ (Röm 11,20). Also nicht gebückt geht, sondern aufrecht im Glauben vor Gott und den Menschen steht. Für seine wichtigsten Bücher hielt Luther seinen Katechismus und das Buch über den unfreien Willen. Der Mensch ist letztlich nicht frei, sondern wird entweder von Gott oder dem Teufel geritten (Bild des Menschen als des Reitpferdes).

Insoweit war Luther kein moderner Aufklärer, der die Menschen zur Sonne der reinen Erkenntnis geführt hat, wie es die Aufklärung wollte. Seine Frage war die nach einem gnädigen Gott. Wer ist Gott? Diese Frage wird heute in der Kirche angesichts von Corona und Klimaerwärmung nur noch selten gestellt. Aber das war die Frage, die Luther umgetrieben, auf die er die wegweisende Antwort im Evangelium gefunden hat.
Pfarrer Andreas Stöcker, Hamm