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„Was Christum treibet...“

Ist Martin Luther ein Kronzeuge der modernen Bibelkritik?

In den aktuellen Kontroversen in der evangelischen Kirche geht es auch um die Frage, welche Seite sich auf die Heilige Schrift als Quelle und Richtschnur des Glaubens berufen kann. Gerade in den Debatten um die Ehe, um nicht-eheliche Lebensformen und um Homosexualität wird entweder die Bibel angeführt oder es wird ausdrücklich bestritten, dass bestimmte Bibelstellen in dieser gegenwärtigen Diskussion ein entscheidendes Gewicht haben. Wenn kirchenleitende Gremien oder Persönlichkeiten sich zu diesen Fragen mit theologischen Aussagen äußern – was recht selten geschieht – taucht häufig ein Argumentationsschema auf, das etwa folgendermaßen lautet:

Die Bibel sei mit Irrtümern und zeitbedingten Aussagen behaftetes Menschenwort. Sie dürfe und müsse aufgrund der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse relativiert und kritisiert werden. Auch Martin Luther habe das auf seine Art getan: Er wollte vor allem das in der Schrift gelten lassen, “was Christum treibet”, und habe z.B. den Jakobusbrief wegen seiner Aussagen zur Rechtfertigung scharf kritisiert. Heute sei für Christen allein Jesus Christus als das eine Wort Gottes verbindlich. Maßstab für kirchliches Reden und Handeln könne nur Jesu Liebesgebot und seine Annahme der Sünder sein.

Aufgrund dieses Gedankenganges können auch umstrittene kirchliche Handlungen gegen den klaren Wortlaut der Bibel gerechtfertigt werden, z.B. gottesdienstliche Segnungen und kirchliche Trauungen homosexueller Paare, deren Verbindungen nach der Erkenntnis kirchenleitender Gremien auf gegenseitiger Liebe beruhen und auf Dauer angelegt sein sollen. Gottes Liebe gelte allen Menschen, natürlich auch den homosexuell Lebenden, so wird gefolgert. Christus nehme alle Sünder an. Seinem Maßstab der Liebe entsprächen solche liebevollen homosexuellen Verbindungen, wenn sie in Ehrfurcht vor Gott und in Verantwortung vor seinen Geboten gelebt würden. Dieser Maßstab der Liebe sei das Zentrum des Neuen Testamentes, das, was nach Martin Luther „Christum treibet“. Sich an diesem Zentrum zu orientieren sei heute wichtiger als die Befolgung von einzelnen Geboten und Verboten, mit denen z.B. im Alten Testament wie auch in Briefen des Apostels Paulus homosexuelle Praxis abgelehnt und als Sünde klassifiziert werde. Echte homosexuelle Liebe falle nicht unter dieses Verdikt, sondern entspreche dem biblischen Liebesgebot und damit der „Mitte der Schrift“. Von dieser Mitte aus seien Aussagen der Bibel als mehr oder weniger verbindlich zu bewerten– dies habe eben auch Martin Luther getan.

Als vorrangig zitierter Beleg für Luthers „Bibelkritik“ dient seine Formulierung aus der Vorrede zum Jakobus- und zum Judasbrief von 1522: „Das ist auch der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen, wenn man siehet, ob sie Christum treiben oder nicht.... Was Christus nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich S. Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt, was Christus predigt, das ist apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte.“

Mit diesem Zitat wird Martin Luther von interessierter Seite zum Ahnherrn einer inhaltlichen Kritik an biblischen Aussagen gemacht. Weil er, so wird gesagt, von seinem theologischen Grundprinzip „was Christum treibet“ ausgehend innerhalb der Bibel Wertungen vornahm, könne man auch heute mit dem biblischen Maßstab der Liebe gegen andere Aussagen der Bibel argumentieren.

Läßt sich Martin Luther wirklich auf diese Art und Weise vereinnahmen?

Geht man von Luthers Verständnis des Wortes Gottes und seinem Umgang mit der Heiligen Schrift aus, so kann diese Frage nur klar verneint werden.

Luther konnte durchaus historische Kritik an einzelnen biblischen Überlieferungen üben, aber er tat dies nur gelegentlich und er legte kein Gewicht darauf (so Althaus S. 79, s.u.). Wichtiger war ihm eine theologische Beurteilung innerhalb des Kanons der biblischen Bücher. Hierbei ging es ihm um die Frage, ob das Herzstück des Evangeliums, die Rechtfertigung allein aus dem Glauben an Christus, in einem biblischen Buch deutlich zum Ausdruck kommt oder nicht. Diesen Maßstab, den Luther aus der Schrift selbst gewonnen hat, konnte er auch „das Apostolische“ nennen oder eben das, „was Christum prediget und treibet“.

Auf keinen Fall wollte Luther damit ethische Richtlinien und grundlegende Maßstäbe der Bibel relativieren oder außer Kraft setzen, erst recht nicht mit der Begründung, dass sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit und der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis stünden. Für solche heute vielfach praktizierten Demontage-Arbeiten an der Heiligen Schrift kann sich niemand auf Martin Luther berufen. Wenn er theologische Wertungen im Kanon bzw. an einzelnen Büchern des Neuen Testamentes geübt hat, ging es ihm ausschließlich darum, dass das Evangelium von der Rechtfertigung allein durch den Glauben nicht verdunkelt werden sollte. „So ist Luthers Kritik eine streng begrenzte“ (Althaus S. 83).

Für Luther war grundsätzlich die ganze Heilige Schrift, von Menschen aufgeschrieben, Gottes Wort. Gott hat sich durch das Wort, das an Menschen erging, offenbart. Endgültig wahr und befreiend läßt er sich hören durch Christus. Christus hat seine Jünger und durch sie die Kirche damit beauftragt, sein Wort weiterzusagen. Gottes Wort begegnet nach Luther als mündliches oder geschriebenes Wort, zuerst und zuletzt in der Heiligen Schrift. In der Schrift kann und muss das Wort Gottes gesucht werden. Luther vertraute sich bis zu seinem letzten Atemzug der Heiligen Schrift an. Er ist keinesfalls Vorläufer oder Ahnherr der historisch-kritischen Forschung, wie sie sich nach der Aufklärung vor allem in Deutschland entwickelte. Luthers Haltung zur Bibel war von einer tiefen Ehrfurcht und von persönlicher Demut vor dem Wort Gottes geprägt.

Der „Doctor der Heiligen Schrift“ Martin Luther, Theologieprofessor an der Wittenberger Universität, hat, gerade auch in seinem oben zitierten berühmten Votum, Kanonkritik praktiziert und nicht Schriftkritik. Kanonkritik setzt gerade voraus, daß es heilige Schriften gibt. Bei Luther steht nur die Anzahl bzw. die Gewichtung der heiligen Schriften zur Diskussion, während Schriftkritik gar nicht damit rechnet, daß es irgendeine Anzahl von heiligen Schriften gibt, die als Gottes Offenbarung grundsätzlich der Beurteilung durch menschliche Maßstäbe entzogen sein könnten (so Rothen S. 47, s.u.).

Bei Luther selbst gibt es Wandlungen im Urteil. In seiner Vorrede zum Jakobusbrief schrieb er 1522, er wolle ihn – den Jakobusbrief - nicht in seiner Bibel haben, ließ aber seit 1530 diese und einige andere Formulierungen weg. Luther lobte in seinen Vorreden die für ihn umstrittenen Bücher der Bibel, formulierte aber gleichzeitig deutlich seine inhaltliche Kritik am Verhältnis von Glauben und Werken im Jakobusbrief und an der Verweigerung der Buße im Hebräerbrief. Auch zur Offenbarung des Johannes, in der er zunächst nichts zu loben fand, äußerte er sich später positiver: Sie tröste und mahne zu glauben, dass Christus gegen allen Augenschein bei seiner Kirche ist. Seit 1534 ließ er den Schluss seiner Vorrede auf das Neue Testament nicht mehr drucken.

Luthers Lösung für die Frage, ob alle biblischen Schriften „Christum treiben“ oder nicht, war für das Neue Testament die, die vier umstrittenen Schriften (Hebräer, Jakobus, Judas, Offenbarung) praktisch im Kanon zu lassen, ihnen aber dogmatisch kein besonderes Gewicht beizumessen. Deshalb stellte er sie an das Ende des Neuen Testamentes. Sie gehören für ihn nicht zu den „rechten Hauptbüchern“ im Kanon, sie sind nicht grundlegend für den Glauben. Für Luther gilt: „Die Ausgrenzung des Jakobusbriefes ist kein Glaubensartikel, den man unzweideutig bekennen muß, sondern er ist eine – wenn auch wohl begründete – diskutable theologische Ansicht. Sie könnte nur dann zu einem Glaubensartikel werden, wenn jemand gestützt auf den Jakobusbrief eine Rechtfertigungslehre behaupten und beglaubigen möchte, die den Aussagen der übrigen neutestamentlichen Literatur zuwiderliefe.“ (Rothen S. 51).

Die Heilige Schrift als eine Sammlung von Texten ist nach Luther unzweifelhaft Gottes Wort. Die Schrift ist Gottes Werk, Gabe und Eigentum - so lautet Luthers theologische Voraussetzung für den Umgang mit ihr. Er sieht in der Bibel das Werk und die Schrift des Heiligen Geistes. Dennoch kennt Luther die Menschlichkeit, auch die Schwächen der biblischen Verfasser. Er betont aber die Fleischwerdung des Wortes Gottes, die Offenbarung Gottes in Christus in, mit und unter den menschlichen Verhältnissen und im Wort der biblischen Zeugen.

Luther war überzeugt von der claritas scripturae, der „Klarheit der Schrift“: Die Schrift widerspricht sich in keinem Teil ihrer Glaubenslehre. Dies ist Annahme und Voraussetzung seines theologischen Denkens, nicht eine Aussage der menschlichen Erfahrung. Allerdings kann sie aufgrund des Glaubens auch zu einer Erfahrungswahrheit werden.

Den Maßstab des Glaubens an Christus gewinnt Luther aus der Schrift selbst. Diesen Maßstab kann der Christ im äußersten Fall auch gegen die Schrift anwenden, also z.B. die Rechtfertigung aus dem Glauben gegen das mosaische Gesetz anführen. Sola scriptura und solus Christus gehören untrennbar zusammen (so Karpp S. 156, s.u.). Die „Mitte der Schrift“ darf jedoch nicht durch das Anführen anderer Schriftstellen verdeckt werden.

Dieses grundlegende theologische Anliegen Luthers hat rein gar nichts zu tun mit den aktuellen Versuchen, unter dem Deckmantel eines allgemeinen Liebesgebotes nicht-eheliche Lebensformen bis hin zu homosexueller Praxis theologisch zu legitimieren. Der heutige Gebrauch bzw. Missbrauch der Bibel, wie er gerade in der evangelischen Kirche häufig vorkommt, kann sich nicht auf Martin Luthers Schriftverständnis berufen.

Wenn heute die Bibel als „patriarchalisch“ gebrandmarkt wird, ihre „Fremdheit“ für den modernen Zeitgenossen betont und sie an vielen Aussagen relativiert, korrigiert, abgelehnt oder so lange interpretiert wird, bis das Gegenteil ihres Wortsinnes herauskommt, gibt es keine Verbindung mehr zur „Mitte der Schrift“ und dem, „was Christum treibet“ im Sinne Luthers. Stattdessen wird durch ein oberflächliches Bibelverständnis ein abstraktes Liebesprinzip in den Raum gestellt, das seines biblischen und reformatorischen Inhaltes entleert wird. So kann es zur Rechtfertigung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in der Kirche missbraucht werden. Dies ist aus vielen deutschen Landeskirchen so oder ähnlich zu hören und ebenso in Stellungnahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Kirchenleitungen, die selbst umfassende „Schriftkritik“ praktizieren, haben Entwicklungen weg von der Bibel und vom christlichen Glauben nichts Inhaltliches entgegenzusetzen. Sie reden gelegentlich von der „Mitte der Schrift“, Christus, dem einen Wort Gottes, von dem her alles zu beurteilen sei, und man vernimmt Zitate von Martin Luther, ohne dass sein Verständnis von „solus Christus“ und „sola scriptura“ wirklich ernst genommen würde. Viel wichtiger erscheint es einigen Kirchenleitungen, sich eilfertig von den „Fundamentalisten“ abzusetzen, die Bibelzitate angeblich undifferenziert anführen und die heutigen schwierigen Fragen mit einfachen Bibelworten entscheiden wollten.

Wie ginge es wohl Martin Luther in „seiner“ evangelischen Kirche heute?

Es besteht genügend Anlass zu der Vermutung, dass er weder für einen theologischen Lehrstuhl an einer Kirchlichen Hochschule noch für ein Pfarramt in der Gemeinde als geeignet erschiene – eine solche Einseitigkeit, wie er sie in seinem Schriftverständnis praktizierte, wäre wohl nach der Auffassung der heutigen Kirchenleitungen einer evangelischen Kirche nicht mehr zuzumuten, die sich in ständigen Windungen dem Kurs des Zeitgeistes anpasst. Wie glaubwürdig kann eine solche evangelische Kirche im Jahr 2017 „500 Jahre Reformation“ feiern?
Pfarrer Wolfgang Sickinger

Literatur:

Kurt Aland (Hg.), Luther Deutsch, Bd. 5: Die Schriftauslegung, Stuttgart 21963
Paul Althaus, Die Theologie Martin Luthers, Gütersloh 21963
Heinrich Karpp, Schrift, Geist und Wort Gottes, Darmstadt 1992
Bernhard Rothen, Die Klarheit der Schrift, Göttingen 1990