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Organspende im Widerspruch

Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bringt seit einiger Zeit einen Neuansatz im Organspendeverfahren ins Gespräch und ins Parlament; die sogenannte "Widerspruchslösung".

Diese Idee hat eine Tragweite, welche die Grenze des legitimen staatlichen Handelns bei weitem überschreitet. Organspenden berühren nicht nur irgendein politisches Feld, das organisiert werden muss, auch nicht irgendeine ethische Entscheidung, die man nach eigenem Ermessen so oder so fällen kann, erst recht keine demokratisch zu treffende Mehrheitsmeinung, sondern eine Lebensfrage. Wie will ich leben? Wie will ich sterben? Was soll mit meinem Körper geschehen?

Diese Frage berührt selbstverständlich auch das religiöse Bekenntnis. Der Lutherische Glaube unterscheidet in der sogenannten Zwei-Reiche-Lehre das Reich der Welt vom Reich Gottes. Traditionell wird sie mit Röm 13,1 begründet: "Es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott eingesetzt." In der Bundesrepublik Deutschland ist die "Obrigkeit" die parlamentarische Demokratie. Viel entscheidender ist jedoch wofür die "Obrigkeit" zuständig ist: Sie "trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut." (Röm 13,4) Sie schafft also Recht und Ordnung und hat den Auftrag dies auch umzusetzen. Bereits Martin Luther fragt in der Obrigkeitsschrift (WA2,S.245ff.) von 1523: "Wie lang ihr Arm ist und wie weit ihre Hand reicht, damit sie sich nicht zu weit ausstrecke und Gott in sein Reich und Regiment eingreife"(1)

In diesem Sinne sollte die "Widerspruchslösung" des Minister Spahn unbedingt betrachtet werden und zwar bevor, man das Für oder Wider der Organspende diskutiert. (Luther weiter) "Denn über die Seele kann und will Gott niemand regieren lassen als sich selber allein. Wo darum weltliche Amtsgewalt sich anmaßt, der Seele ein Gesetz zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verdirbt die Seelen." (2)

Diese Punkt scheint in der Debatte um die "Widerspruchslösung" vollends unbetont zu bleiben: Darf ein Staat in dieser Weise "die Seelen" beschweren? Anders gesagt: Ist es mit der demokratischen Freiheit vereinbar per Gesetz zu etwas Tödlichem aktiv "Nein!" sagen zu müssen? Dazu sagt auch die EKD offiziell "Nein!". Es bestünde die Gefahr, dass der "Charakter einer Spende (...) verloren" geht, so Prälat Martin Dutzmann (3). Zugleich sieht er aber "aus christlicher Sicht" in der Organspende einen Akt der "Nächstenliebe" und bewertet sie damit uneingeschränkt positiv.

Ähnliches ist mir auch bei diversen Zeitungslektüren und in anderen Medien begegnet. Es scheint eine Art offizielle positive Offenheit für Organspenden zu geben. Der Gesundheitsminister bringt es auf den Punkt: "Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spender-Organ gefunden wird. Das muss sich ändern!"(4)

In allen Debatten wird allerdings die Seite des "Spenders" weitaus weniger betont. In diesem Zusammenhang geht es ausschließlich um die sog. "postmortale Organspende", zu deutsch "Organspende nach dem Tod". Genauer gesagt stimmt das aber nicht. Denn ein Organ muss durchblutet bleiben (also "am Leben" sein) bis zur Operation. Der "Tod" von dem häufig gesprochen wird, ist der sogenannte "Hirntod", der allerdings wiederum nur Definitionssache ist. Obwohl er eindeutig zu diagnostizieren ist, kann er nicht einfach mit dem Tod gleichgesetzt werden (5), da das Herz-Kreislaufsystem ja noch "lebt" und für eine Organspende auch "leben" muss. Insofern ist es nicht übertrieben zu sagen, dass einem lebendigen Organismus lebendige Organe entnommen werden.

Die Entscheidung darüber, betrifft das eigene Leben und das eigene Sterben. Und so verstehe ich nicht nur die Bereitschaft zur Organspende als Akt der "Nächstenliebe", wie Prälat Dutzmann, sondern auch das offene Wort mit den Angehörigen, die sich möglicherweise eines Tages von einem warmen, atmenden und gut durchbluteten Menschen auf einer Intensivstation verabschieden müssen, dem wenig später im Operationssaal "lebende" Organe entnommen werden.

Insofern gehört in die Frage nach der Organspende eine größtmögliche Portion der Feinfühligkeit, die sicherlich nicht dadurch ausgedrückt wird, auf eine moralisch aufgeladene Frage mit "Nein!" antworten zu müssen. Auch die moralische Aufladung ist hier fehlplatziert, da das eigene Sterben vor allem die Seele berührt, über die nach Luther ja nur Gott selbst "regieren" möchte. Damit ist es auch schon fast gefährlich irgendeine Empfehlung zu machen. Sicherlich ist es gut, dass sich eine Transplantationsmedizin entwickeln konnte und lebensgefährlich Erkrankte durch Spenderorgane gerettet werden können, andererseits gibt es niemals einen Anspruch auf "Spenden", denn Spenden sind von ihrer Natur her freiwillig.

Will "man" (wer auch immer, aber bitte nicht die Regierung!) die Bereitschaft für postmortale Organspenden erhöhen, ist es übrigens sowieso schon falsch Druck auszuüben. Wer jemanden überzeugen will, muss selbst überzeugt, überzeugend und glaubwürdig sein. Schwierig wird es, wenn sich Menschen, die nicht bereit sind ihre Organe zu spenden (aus welchen persönlichen Gründen auch immer) plötzlich für ihre Entscheidung moralisch rechtfertigen müssten. Zumal sogar das Grundgesetz alle Menschen eigentlich davor schützt. In Art 2, Abs 2 heißt es: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Insofern kann ich "Ja!" sagen und meine Organe nach dem "Hirntod" mit lebendigem Herz-Kreislaufsystem spenden, oder ich sage nichts und werde nach meinem Tod auf einem Friedhof unversehrt beerdigt. Es gesetzlich umgekehrt regeln zu wollen, würde die bürgerliche Freiheit auf den Kopf stellen und staatlicherseits in mein "Seelenheil" eingreifen und das gebührt dem Staat nicht.

Zum Schluss ein Scherz zur Verdeutlichung: Ich bin auch für eine Widerspruchslösung: Wer nicht schriftlich "Nein!" erklärt, vererbt nach seinem Tod sein ganzes Vermögen an die Kirche...

Pfr. Dirk Bangert, Wuppertal

Zitate: (1) Calwer-Luther-Ausgabe Band 4, S.35

(2) Aao, S.36

(3) https://www.pro-medienmagazin.de/politik/2019/04/03/ekd-lehnt-widerspruchsregelung-ab/

(4) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/gzso.html

(5) https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/879725/organentnahme-hirntod-nicht-gleich-tod.html